13. Dezember 2020 / Für die ganze Familie

Geschichte zum dritten Advent

"Du wirst gesehen"

Adventsgeschichte ©pixabay.com
von VS

Wir wünschen Euch einen schönen dritten Advent!

"Du wirst gesehen"

Anfang Dezember ging es stürmisch zu in der kalten Innenstadt: Gestresste Menschen hetzten über den Asphalt und murmelten ärgerlich vor sich hin. Das einzig Beständige waren die Lichter, die in den Bäumen und an den Häusern glänzten.
 
Auch ich eilte durch die Stadt, um Besorgungen zu machen. Ich konnte es nicht leiden, alles kurz vor knapp zu erledigen– das war einfach nicht meine Art.
 
Als ich aus dem Laden mit leckeren weihnachtlichen Köstlichkeiten heraustrat, sah ich einen Mann, der gegenüber dem Laden saß. Ich erkannte ihn klar und deutlich und das, obwohl viele Menschen an mir vorbeirauschten.
 
Der Mann, der dort zusammengekauert saß, sah sehr müde aus. Er hatte pechschwarze Augenringe und seine Mundwinkel hingen nach unten. Seine Kleidung war durchlöchert – nicht vorzustellen bei dieser Kälte!
 
Bevor ich meine Gedanken sammeln konnte, stand ich schon vor ihm. Er sah mich ein wenig fragend an, war aber freundlich: »Kann ich der jungen Dame helfen?« Ich war ganz sprachlos – untypisch für mich. Ich lächelte nur und erwiderte: »Haben Sie Hunger oder Durst? Ich würde Ihnen gerne etwas zu essen kaufen und etwas Neues zum Anziehen.«
Der Mann guckte sehr skeptisch. Ich würde auch skeptisch gucken, wenn eine Fremde so auf mich zukommen würde. Er lehnte zunächst dankend ab, aber ich ließ nicht locker – ich war eben ein sehr dickköpfiger Mensch.
 
Ich konnte ihn dazu überreden, dass ich ihm wenigstens etwas zu essen und trinken kaufen durfte. Als wir eine Bäckerei betraten, schienen die Verkäuferinnen für einen Moment wie erstarrt, dennoch bedienten sie uns freundlich. Der Mann war sehr bescheiden und suchte sich nur ein belegtes Brötchen und eine kleine Flasche Wasser aus. Doch er schien sehr zufrieden und ich glaubte eine Art kindliche Freude in seinen Augen zu entdecken.
 
In den folgenden Wochen traf ich ihn öfter in der Stadt an und wir unterhielten uns jedes Mal ein wenig. Ich besorgte ihm etwas zu essen und zu trinken, und ich spürte jedes Mal, wie er sich von Herzen freute. Im Gegenzug dazu erfuhr ich viel über ihn und in diesen Tagen kam es auch dazu, dass er mir erzählte, wie er zu dem Leben auf der Straße gekommen war: Er hatte seine Frau vor einem Jahr verloren, auch in der Weihnachtszeit. Dieser Verlust hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen es sollte nicht der einzige gewesen sein. Danach verlor er auch das Haus, all seinen Besitz und seinen Job.
 
Am Heiligen Abend ging ich noch einmal in die Stadt, aber nicht um noch etwas zu besorgen, sondern um meinen Freund zu besuchen und ihm etwas zu schenken.
Nachdem ich ihm an seinem Platz, wo er immer saß, nicht finden konnte, begann ich mir Sorgen zu machen. Nicht weit entfernt sah ich noch ein paar andere mittellose Menschen. Ich sprach sie an und erkundigte mich nach meinem Freund. Sie drückten mir nur einen Brief in die Hand und wünschten mir noch Frohe Weihnachten. Dann gingen sie und ich blieb mit dem Brief zurück.

Langsam öffnete ich ihn und begann zu lesen. Mein Freund schrieb, dass er sehr froh sei, mich kennengelernt zu haben, es für ihn jedoch Zeit wäre, einen Neuanfang zu wagen. In einer anderen Stadt, weit weg von jenen Erinnerungen, die ihm so schmerzten. Seine Schrift war schwer zu entziffern, dennoch konnte ich lesen, wie er beschrieb, dass ich der Mensch gewesen bin, der ihm in seinen dunkelsten Stunden gezeigt hat, dass es noch Hoffnung gibt – für uns alle.
 
Ich merkte, wie mir leise, still und heimlich eine Träne über das Gesicht lief. Gab es einen besseren Tag für einen Neuanfang als Weihnachten?

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