21. März 2023 / News aus der Welt

Klima-Experten warnen: Wir kommen raus aus der Komfortzone

Sonne satt - das ist für viele Menschen längst keine gute Nachricht mehr. Die Klimabilanz des Deutschen Wetterdienstes für 2022 sieht eher düster aus. Doch es gibt auch gute Nachrichten.

Eine Gewitterzelle zieht mit dunklen Regenwolken über die brandenburgische Landschaft. Der Deutsche Wetterdienst hat die Klima-Bilanz für das Jahr 2022 vorgestellt.
Veröffentlicht am 21. März 2023 um 15:26 Uhr von Eva Krafczyk, dpa

Klima-Experten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) haben bei der klimatologischen Bilanz des Jahres 2022 vor den zunehmenden Einflüssen der Erderwärmung gewarnt. «Wir kommen raus aus der Komfortzone», sagte Andreas Becker, Abteilungsleiter der Klimabeobachtung beim DWD, in Berlin. Mit starken Hitzewellen, Sonnenscheinrekorden und anhaltender Trockenheit sei das Jahr nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa unter den wärmsten seit Messbeginn gewesen.

Wenn es um die Risikoabschätzung etwa von Extremwetter wie Starkregen geht, bietet der DWD mit neuen Daten Unterstützung für Kommunen und Katastrophenschutz.

Die Folgen der Klimaveränderung würden in Deutschland zunehmend negativ spürbar, sagte Becker mit Blick auf Waldbrände, Ernteausfälle und Trinkwasserreglementierungen, die mehrere Kommunen im vergangenen Sommer angeordnet hätten. Er verwies auf Zahlen des Robert Koch-Instituts, nach denen die wiederholten Hitzewellen im Sommer 2022 zu einer Übersterblichkeit von 4500 Menschen geführt hätten.

«Es lohnt sich, um jedes Zehntel Grad zu kämpfen», betonte Becker angesichts der Pariser Klimaziele zur Begrenzung der Erderwärmung.. Deren Erreichen erscheint nach Angaben des DWD-Klima-Vorstands Tobias Fuchs kaum mehr möglich: «Zwei Grad sind noch irgendwie in Reichweite, aber 1,5 Grad sind weit weg.»

Dürre gegen Starkregen

Während vor allem im Nordosten Deutschlands im vergangenen Jahr Dürre herrschte und die Bodenfeuchte in den tieferen Bodenschichten noch nicht ausreichend aufgefüllt ist, ist Stark- und Dauerregen ein anderes Wetterextrem, das bei steigender Erderwärmung häufiger auftreten kann. Wie dramatisch die Folgen sein können, erleben derzeit unter anderem die Menschen im Südosten Afrikas. Die Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021 hatte auch in Deutschland viele Menschen aufgerüttelt. Stark- und Dauerregen gehörten zu den schadensreichsten Extremwetterlagen, sagte Fuchs.

Die Niederschlagsprognosen des DWD hatten seinerzeit die gewaltige Niederschlagsfront ausgemacht und die Meteorologen hatten Unwetterwarnungen herausgegeben. Sie wurden aber nicht optimal genutzt. «Es reicht nicht aus, sich auf Warnungen zu verlassen», sagte Fuchs. Auch Prävention sei notwendig beim Katastrophenschutz.

Fuchs betonte, es sei eine Kernaufgabe des Deutschen Wetterdienstes zu analysieren, welche Risiken durch extreme Niederschläge für jede Region, jeden Ort in Deutschland aktuell und künftig bestehen. «Dank neuer Beobachtungsdaten und der Verknüpfung der Informationen von Bodenstationen und Wetterradar kann der DWD jetzt für jeden Ort in Deutschland die Starkregengefahr berechnen», sagte er.

Vorteil verknüpfter Daten

Damit sind Risikokarten zum Auftreten von Starkregen und Dauerregen möglich, etwa für den vorbeugenden Katastrophenschutz als Planungsgrundlage. Aber auch die Wasserwirtschaft sowie Bauingenieure und Städteplaner profitierten bei der angemessenen Dimensionierung von Kanalnetzen, Kläranlagen, Pumpwerken oder Rückhaltebecken davon, betonte Fuchs.

So habe der DWD seine Daten mit der Bevölkerungsstatistik verbunden und könne so für die 15 bevölkerungsreichsten Städte zeigen, wie stark die Einwohnerinnen und Einwohner von extremen Niederschlägen bisher betroffen waren. «Wir benötigen solche Lagebilder, in die alle zuständigen Institutionen ihre Erkenntnisse einspeisen, um aktuelle Wettergefahren richtig einzuschätzen und uns angemessen auf künftige Wettergefahren vorzubereiten», sagte der DWD-Experte.

Auch für die Energiewirtschaft könne der DWD mit seinen Daten einen Beitrag zur Energiewende leisten, sagte Renate Hagedorn von der DWD-Wettervorhersage. Das betreffe etwa detailliertere Informationen über meteorologische Rahmenbedingungen, die sich im Klimawandel ändern, und über die regionalen Unterschiede bei Wind und Sonne. Durch eine enge Verzahnung von noch genaueren Vorhersagen mit der Netzsystemführung könnten jährlich Einsparungen in Millionenhöhe erreicht werden. Hier immerhin sei die rekordmäßige Sonnenscheindauer des vergangenen Jahres eines gute Nachricht gewesen: «2022 war ein Traumjahr für die Photovoltaik.»


Bildnachweis: © Patrick Pleul/dpa
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