22. September 2021 / Wusstest du das?

„Einen Staubsauger könnten wir gut gebrauchen“

Familienpatenschaften - Berührende Geschichten und intensive Begegnungen

Eine Staubsaugerübergabe als Auftakt für eine gelingende Familienpatenschaft.

Viele Menschen haben alles, aber auch wirklich alles im Hochwasser verloren. Geblieben ist von Hausstand, Dokumenten, persönlichen Dingen und Erinnerungen schlicht und einfach – nichts. So ergangen ist es auch der ersten offiziellen Patenfamilie des jungen Vereins „Alle unter einem Dach e.V.“, dessen Vereinsarbeit jetzt langsam aber sicher Fahrt aufnimmt. 

Nach dieser Nacht war alles anders
Der 14. Juli 2021 war auch für die Patenfamilie von Alle unter einem Dach zunächst ein ganz normaler Mittwoch in den Sommerferien. Gemeinsames Frühstück, vormittags gemütlich einen Film zusammen schauen – das schlechte Wetter lud ja nicht gerade dazu ein, großartig vor die Tür gehen ein. Erst als die Familie beschließt, dass man zur Feier des Ferientages mittags auf Wunsch der Kinder zu MacDonalds fährt, wird klar, dass hier etwas nicht normal ist: „Das Wasser stand bis zur Treppe, als wir das Haus verlassen wollten“, berichtet Lili, die Mutter. Der Versuch mit dem Auto wegzufahren scheitert, weil der Wasserstand bereits viel zu hoch ist. Als die Familie dann ins Haus kommt, kommt ihnen bereits das Wasser aus dem vollgelaufenen Keller entgegengeströmt. Im Haus ist also kein Bleiben mehr. Sie laufen zum höher gelegenen Nachbarhaus und suchen dort Schutz. Gemeinsam mit der Nachbarsfamilie beobachten sie, wie der Wasserpegel immer höher steigt. Gegen 22 Uhr ist der Verbleib im Haus zu gefährlich und unter Lebensgefahr retten sich 10 Personen – davon 7 zum Teil kleine Kinder – aufs Dach. Dort verharren sie die ganze Nacht, kontrollieren immer wieder den Pegelstand. Es ist rutschig und sie haben Angst. Erst um drei Uhr nachts ist der Wasserstand so weit gesunken, dass sie wieder ins Haus der Nachbarin zurückkehren können. Ihr eigenes Haus ist durch die niedrigere Lage von der Flut vollständig erwischt und unbewohnbar geworden. Und so kommt es, dass die Familie am Donnerstagvormittag von der Feuerwehr zunächst in einer Schule untergebracht wird. Von dort aus ist die nächste Station das Pfadfinderhaus, wo sie mehrere Wochen notdürftig untergebracht sind, bis eine neue Bleibe gefunden worden ist. 

Eine neue Bleibe ist noch kein Zuhause
Eine Nacht hat alles verändert. Nichts ist mehr, wie es war. Gut ist natürlich, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Gut auch, dass es mittlerweile ein neues Dach über dem Kopf gibt. Das gilt es jetzt aber bewohnbar zu machen, denn noch ist außer der allernötigsten Wohninfrastruktur in Form von Matratzen, Esstisch mit Stühlen, einem zwei Plattenkocher und einem Minibackofen nicht viel vorhanden. Und genau hier setzt die Arbeit von Alle unter einem Dach an. Ein ganz wichtiger Baustein dabei ist, dass die Vereinspaten und die Familie auf Augenhöhe miteinander sind. Nur so kann eine vertrauensvolle Basis gestaltet werden, die eine Patenschaft unkompliziert, nachhaltig und verbindend macht. „Vor dem Erstkontakt habe ich die Familie gefragt, was sie besonders dringend gebrauchen können. Lili sagte mir, dass ein Staubsauger super wäre“, weiß Bettina Faltis von Alle unter einem Dach zu berichten. 

Fleißige Helfer dringend gesucht
Der Staubsauger ist natürlich wirklich nur ein allererster kleiner Schritt. Die Räume im Haus müssen teils gespachtelt, gestrichen oder tapeziert werden. Dann geht es an die Einrichtung vom Keller bis zum Dachboden. Im ersten Schritt macht sich Alle unter einem Dach jetzt an den Aufbau der Küche machen. Schränke, Kühlschrank und Elektroherd sind vorhanden. Eine Arbeitsplatte und eine Spülmaschine fehlen noch. 
Für all diese Arbeiten sucht der Verein ganz dringend fleißige Helfer – gerne aus den Vereinen der Stadt Rheda-Wiedenbrück, aber auch Einzelpersonen sind herzlich willkommen. Handwerken, Transportieren, Mitmachen – das ist einer der ganz wichtigen Bereiche des Patenschaftsengagements. 

Enge Zusammenarbeit mit den Iversheimer Koordinatoren
Damit die Patenschaft gelingt, arbeitet Alle unter einem Dach eng mit dem Familienpatenschaftsteam in Iversheim zusammen. In diesem Team laufen die Fäden für die gesamten Familienpatenschaften in Iversheim zusammen. Die Beteiligten sind aktuell dabei eine geordnete Koordination der Patenschaften auf die Beine zu stellen, sodass beispielsweise der Überblick über die Antragsstellung für Spendengelder oder aber spezielle Bedarfe einer Familie gewährleistet ist. 
Hier haben die Iversheimer, so Bettina Faltis von Alle unter einem Dach, wirklich Großartiges in Eigenregie geleistet und sind ständig dabei dies immer weiter zu entwickeln. „Man muss bedenken, dass viele der im Patenschaftsteam Aktiven, selber Flutschäden erlitten haben und trotzdem sind sie mit Herzblut dabei. Das bewundere ich rückhaltlos.“
Das Iversheimer Familienpatenschaftsteam soll Teil eines im Aufbau befindlichen Patenschaftsnetzwerkes für den Kreis Euskirchen werden, das man derzeit unter flutpaten.eu bei Facebook finden kann. Initiatoren dieses ebenfalls ehrenamtlich geleiteten Netzwerkes sind Cornelia Voss und ihr Mann Lothar. 

Einladung zum Mitmachen
Alle unter einem Dach lädt die Rheda-Wiedenbrücker Vereine, Einzelpersonen und örtliche Unternehmen herzlich ein, sich in die Vereinsarbeit mit einzubringen. Das kann über aktive Mitarbeit, eine Fördermitgliedschaft oder auch Geld- oder Sachspenden geschehen. Nähere Informationen und Kontaktdaten unter www.alleuntereinemdach.org oder info@alleuntereinemdach.org. 

Netzwerken im Familienpatenschaftsteam in Iversheim. V.l.n.r. Bettina Faltis, Alle unter einem Dach; Dawn Sirrenberg und Ruth Cziraky, Familienpatenteam Iverheim; Cornelia Voss, Netzwerk flutpaten.eu.

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