24. Oktober 2023 / News aus der Welt

Suche nach vier Schiffbrüchigen in der Nordsee geht weiter

Zwei Frachter stoßen in der Nordsee zusammen. Eine dramatische Suchaktion läuft an. Vier Menschen werden noch vermisst. Für die Retter ist es ein Wettlauf gegen die Zeit - bei widrigen Wetterbedingungen.

Robby Renner (r), Leiter des Havariekommandos und Michael Ippich von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bei einer Pressekonferenz nach der Kollision zweier Frachter in d...
Veröffentlicht am 24. Oktober 2023 um 21:54 Uhr von Lennart Stock, Thomas Strünkelnberg und Mirjam Uhrich, dpa

Die Suche nach vier vermissten Seeleuten nach dem Zusammenstoß von zwei Frachtschiffen auf der Nordsee bei Helgoland soll auch nachts weitergehen. «Geplant ist, die Suche bis nach Mitternacht fortzusetzen», teilte das Havariekommando in Cuxhaven am Dienstagabend mit. «Die Wassertemperaturen, die derzeit um 12 Grad Celsius liegen, geben den Rettungskräften bis zu diesem Zeitpunkt die Chance, noch auf Überlebende zu treffen.» Sollte es dann weiter kein Lebenszeichen von den vier Schiffbrüchigen geben, soll die Suche eingestellt werden.

Nachdem einer der Frachter am Dienstagmorgen infolge des Zusammenstoßes gesunken war, konnten Rettungskräfte zwei Seeleute aus dem Wasser retten. Für einen Seemann kam jede Hilfe zu spät. Vier Menschen der siebenköpfigen Besatzung des Frachters «Verity» gelten weiter als vermisst.

Niemand wisse, wie die vermissten Seeleute ausgerüstet seien, sagte DGzRS-Geschäftsführer Ippich. Immer wieder würden Menschen auch nach längerer Zeit lebend in kaltem Wasser gefunden. Laut den Seenotrettern könnten Menschen bei Wassertemperaturen um zwölf Grad nach Erfahrungswerten bis zu 20 Stunden überleben - es hänge aber auch von der Kondition und der Bekleidung, etwa einer Rettungsweste, der Verunglückten ab.

Suche in völliger Dunkelheit

Drei Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) suchen deshalb bei völliger Dunkelheit weiter nach den Vermissten. Auch ein Bundespolizeischiff, ein Zollboot, ein Schiff der Wasserschutzpolizei und ein Lotsentender seien noch im Einsatz, teilte das Havariekommando am Abend mit. Sie setzen bei ihrer Suche Wärmebildkameras und Nachtsichtgeräte ein.

Darüber hinaus beteiligen sich laut Behörde die Deutsche Marine mit drei Hubschraubern, das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie mit einem Forschungsschiff und die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes mit einem Mehrzweckschiff.

Taucher hatten zuvor nach Lebenszeichen auf dem Wrack des infolge der Kollision gesunkenen Frachters «Verity» in rund 30 Metern Tiefe gesucht - ohne Erfolg. Eine einsetzende starke Strömung machte weitere Versuche zunächst unmöglich, hieß es.

Die Bedingungen an der Unglücksstelle bleiben laut dem Havariekommando schwierig. «Der Wind weht mit etwa fünf bis sechs Windstärken, die Wellenhöhen liegen zwischen einem und zwei Metern», teilte die Behörde in Cuxhaven weiter mit.

Ursache für das Unglück weiter unklar

Indes bleibt weiter unklar, warum das Massengutschiff «Polesie» und das Küstenmotorschiff «Verity» bei völliger Dunkelheit in der Deutschen Bucht zusammenstießen. Fotos vom Unglücksort zeigten, wie Lichtkegel von Suchscheinwerfer des Kreuzfahrtschiffes «Iona», das zufällig in der Nähe unterwegs war, kurz nach der Havarie am frühen Morgen die dunkle Wasseroberfläche an der Unglücksstelle absuchten.

Gegen 5.20 Uhr sei das Signal der «Verity» verloren gegangen, sagte Michael Ippich von der DGzRS-Geschäftsführung. «Man musste davon ausgehen, dass zu diesem Zeitpunkt das Schiff gesunken ist.» Gut eine Stunde später sei der erste Seenotrettungskreuzer von Helgoland am Unglücksort gewesen. Kurz darauf wurden erste Wrackteile gefunden.

Die unter der Flagge Großbritanniens fahrende 91 Meter lange «Verity» hatte laut dem Havariekommando sogenannte Stahl-Coils geladen, also Rollen aus großen Blechen. Das Schiff der britisch-niederländischen Reederei Faversham Ships war auf dem Weg von Bremen nach Immingham, einem Hafen an der englischen Nordseeküste. Es hatte auch rund 1300 Kubikmeter Dieseltreibstoff an Bord. Deswegen rückte auch ein Mehrzweckschiff zu der Unfallstelle aus, um möglichen ausgelaufenen Treibstoff vom Wasser aufnehmen zu können.

Der andere Frachter, die mit 190 Metern Länge größere «Polesie», war unter der Flagge der Bahamas auf dem Weg von Hamburg nach La Coruña in Spanien unterwegs. 22 Seeleute waren an Bord des Frachters, der zu der polnischen Reederei Polsteam Group gehört. Sie blieben alle unverletzt, wie das Havariekommando am Dienstagabend bestätigte. Der Frachter soll noch im Laufe der Nacht aus eigener Kraft Cuxhaven anlaufen.

Meistbefahrenes Seegebiet

Der Unfall ereignete sich rund 22 Kilometer südwestlich der Hochseeinsel Helgoland und 31 Kilometer nordöstlich der ostfriesischen Insel Langeoog - in einem der meistbefahrenen Seegebiete weltweit. Denn in der Deutschen Bucht verlaufen laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) zwei international eingerichtete Schifffahrtsstraßen in Ost-West-Richtung.

Dabei handelt es sich um das Verkehrstrennungsgebiet (VTG) Terschelling-German Bight (Deutsche Bucht) vor den Ostfriesischen Inseln sowie das weiter nördlich liegende Verkehrstrennungsgebiet German Bight Western Approach (Deutsche Bucht West-Ansteuerung). Querend zu den beiden Verkehrstrennungsgebieten verläuft der Schiffsverkehr zu den deutschen Flussrevieren Ems, Jade/Weser und Elbe sowie auch zu den Offshore-Windparks in der deutschen Nordsee.


Bildnachweis: © Sina Schuldt/dpa
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