9. August 2026 / News aus der Welt

Wow-Effekt des Alls - Warum Himmelsphänomene so faszinieren

Menschen, die eine totale Sonnenfinsternis erleben, schildern das auch nach vielen Jahren noch merklich beeindruckt. Warum fasziniert uns das Phänomen so sehr?

Künstlerische Darstellung einer Sonnenfinsternis. Der Mond steht genau vor der Sonne, so dass sein Schatten auf die Erde fällt.
Veröffentlicht am 9. August 2026 um 10:18 Uhr von dpa

Man sieht es nicht, wenn der Mond sich der Sonne nähert. Plötzlich gibt es eine kleine Einkerbung am Sonnenrand, die sich immer mehr ausweitet - und dann ist sie weg, die Spenderin fast allen Lebens. Millionen Menschen werden zum Himmel schauen, wenn die Sonne am 12. August einen kurzen, intensiven Moment lang komplett vom Mond bedeckt ist. «Es ist ein kleiner Weltuntergang zum Gruseln», sagt der Berliner Psychologe Peter Walschburger. «Wir wissen, dass sie wiederkommt, und können das Spektakel ohne echte Gefahr genießen.»

Eine totale Sonnenfinsternis ist längst kein Mysterium mehr, sondern auf Jahrhunderte voraus exakt vorhersagbar. Nur einige Sekunden bis Minuten lang bleibt es richtig dunkel. Besonders selten ist das Himmelsphänomen auch nicht: Fast jedes Jahr gibt es irgendwo auf der Erde zumindest partielle Finsternisse.

Weißt du noch? Oft ist die Erinnerung an eine Sofi lebhaft

Und doch zählt eine Sonnenfinsternis zu jenen Himmelsereignissen, die Menschen am meisten in ihren Bann ziehen - vor allem, wenn es sich um eine totale handelt. «Das ist auch heute noch ein einschneidendes Erlebnis, an das man sich lebenslang erinnert», sagt Guido Thimm vom Zentrum für Astronomie der Universität Heidelberg (ZAH). Und es gebe auch heute noch das Gefühl der Erleichterung, wenn die Sonne wieder da ist. «Man spürt bei einer Finsternis ganz direkt, wie wichtig die Sonne ist.»

Das Licht kippt bei einer Finsternis abrupt, Schatten verändern sich, die Umgebung bekommt einen silbrig-grauen Ton, die Temperatur kann merklich sinken. Sterne können sichtbar werden, Vögel verstummen. Es verwundert nicht, dass eine Sonnenfinsternis einst für Angst und Schrecken sorgte. Vor dem Siegeszug der Naturwissenschaften war sie für die meisten Völker der Welt ein unheilkündendes Omen, wie Walschburger sagt. Alle möglichen Plagen schrieb man ihr zu: Kriege, Aufruhr, Seuchen, Hungersnöte, Erdbeben.

Was am Himmel geschah, entschied über Wohl und Wehe

Generell wurde ungewöhnlichen Himmelsereignissen viel Aufmerksamkeit geschenkt - aus gutem Grund: Aus der Beobachtung des Himmels wurde auf das kommende Wetter geschlossen, aus dem Stand der Sonne und von Sternbildern auf die Jahreszeit, wie Walschburger erklärt. Die Sterne hätten der Orientierung gedient, die Mondphasen der Zeiteinteilung. «Man war insgesamt wesentlich abhängiger von der freien Natur und dem Himmelslauf.»

Die Astronomie sei die älteste Wissenschaft der Welt, sagt Thimm. «Astronomisch bewandert zu sein, konnte über Leben und Tod entscheiden.» Hofastronomen im alten Ägypten hätten zum Beispiel schon vor rund 5.000 Jahren die für die Landwirtschaft wichtigen Nil-Hochwasser vorhergesagt.

Der Himmel, Sitz fast aller Götter

Zudem sei der Himmel in vielen Kulturen als Sitz göttlicher Mächte mit menschlichen Zügen betrachtet worden, erklärt Walschburger - ungewöhnliche Ereignisse wie eine plötzliche Verdunklung wurden daher zwangsläufig auch als sozial bedeutsam wahrgenommen. Vielfach spielte speziell die Sonne eine zentrale Rolle, wurde als Göttlichkeit und Quelle des Lebens verehrt. In der ägyptischen Mythologie zum Beispiel wurde sie vom Gott Ra personifiziert.

Diese immense Bedeutung für Alltag und Glauben stecke noch heute in uns und sei Teil der Faszination für Sonnenfinsternisse und Himmelsereignisse generell, meint Walschburger. «Die kulturell-zivilisatorische Entwicklung verläuft viel schneller als unsere natürlich-genetische Evolution.» Auch wenn wir inzwischen weitaus unabhängiger von der Natur seien und ihre Phänomene naturwissenschaftlich erklären könnten, seien Sinneswahrnehmungen wie eine dunkle Wolkenwand oder ein lauschiger Sonnentag noch immer ganz eng mit unserer Psyche und unserem Wohlbefinden verbunden.

Mit dem Sehen-Können schwindet das Sehen-Wollen

Speziell beim Nachthimmel steht der Wahrnehmung allerdings zunehmend ein menschengemachtes Problem entgegen: die Lichtverschmutzung. Abseits von Sonnenfinsternissen und Polarlichtern sinke das Interesse am Sternenhimmel eher, sagt Thimm. «Schlichtweg, weil er vielerorts kaum mehr zu sehen ist.» Man könne nur toll finden, was man selbst erlebt. «Viele Kinder wachsen aber nahezu komplett ohne Blick in den Sternenhimmel auf.»

Einer der letzten Orte mit Wow-Effekt-Sternenhimmel sei die Atacama-Wüste im Norden Chiles. Es sei absolut faszinierend, dort bei klarer Luft und null Lichtverschmutzung in den Nachthimmel zu schauen. «Man kann Zeitung lesen bei Sternenlicht», erzählt Thimm. «Man sieht die Milchstraße aufgehen, einen Bogen über den Nachthimmel ziehen, wieder untergehen - da bekommt man echt Gänsehaut.»

Auge folgt den Blechklumpen im All - und nicht den Sternen

Allerdings gebe es selbst dort inzwischen ein Problem: die wachsende Zahl an Satelliten. Schon jetzt sei es schwerer, sich auf die Sterne zu konzentrieren. «Das Auge ist auf Bewegung getrimmt und geht zu den rasch ziehenden Satelliten.»

Schlimm seien die Störfeuer der Satelliten auch für die Wissenschaft, weil sie astronomische Aufnahmen behinderten. «Massenhaft gestörte oder vernichtete Informationen sind das Resultat», so Thimm. «Es ist wirklich dramatisch.»

In den kommenden Jahren soll die Zahl der Satelliten weiter rasant steigen. Mit dem ungetrübten Blick in den Nachthimmel, wie ihn unsere Vorfahren hatten, ist es definitiv vorbei.


Bildnachweis: © Handout / Berlin/Esa/dpa
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