1. September 2026 / News aus der Welt

Verheerende Sturzflut - Welche Risiken bergen die Alpen?

Sehr schmal, zwischen steilen Hängen liegend: Solche Täler, die besonders wuchtige Sturzfluten begünstigen, gibt es in der Himalaya-Region viele. In den Alpen ist das anders - bedeutet das Entwarnung?

Berg- und Gletscherstürze hat es auch in den Alpen schon oft gegeben. (Archivbild)
Veröffentlicht am 1. September 2026 um 04:00 Uhr von dpa

Ein Eis- und Felsabbruch hat die folgenreiche Sturzflut im Himalaya ausgelöst. Viele Menschen fragen sich: Wäre eine solche Katastrophe auch in den Alpen möglich? Aus Beobachtungen und geologischen Ablagerungen sei bekannt, dass große Berg- und Gletscherstürze auch in den Alpen schon vielfach vorgekommen sind, sagt Oliver Korup, Leiter der Arbeitsgruppe Naturgefahren an der Universität Potsdam. Die Höhenunterschiede im Himalaya seien aber extremer - und damit die möglichen Fallhöhen und Reichweiten, mit Folgen für die gesamte Prozesskaskade vom Abbruch bis zur Sturzflut.

«Ähnliche Ereignisse können auch in den Alpen vorkommen», sagt auch Jan Blöthe von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Der Gletscherabbruch von Blatten in der Schweiz zum Beispiel sei von der Dynamik her vergleichbar gewesen. Entscheidender Unterschied sei die Größe des Ereignisses: «Erste Abschätzungen des Ereignisses in Nepal deuten auf ein etwa zehnmal größeres Volumen hin als bei dem Ereignis in Blatten vor einem Jahr.»

Beim Bergsturz von Blatten im Kanton Wallis waren im Mai 2025 Fels und Eis vom Birchgletscher ins Tal gestürzt und hatten große Teile des Ortes verschüttet. Der drohende Abrutsch war zuvor erkannt, das Dorf rechtzeitig evakuiert worden.

Schmal und steil - diese Talform förderte die Wucht

Die Hindukusch-Himalaya-Region ist das größte und höchste Gebirgssystem der Erde; dort gibt es entsprechend mehr Steilhänge und damit potenzielle Abbruchkanten. Die Täler dort seien länger und tiefer als in den Alpen, erklärt Jan Beutel von der Universität Innsbruck. Die Geländeform förderte Experten zufolge die verheerende Wucht der Sturzflut in Nepal: In dem schmalen, steilen Tal türmten sich die Wassermengen weit stärker auf, als sie es in einem breiteren mit nicht so steilen Hängen getan hätten.

Doch auch ein Ereignis mit weniger Wucht könnte in den dicht besiedelten Alpentälern verheerende Folgen haben. Schutz bietet vor allem die Frühwarnung. Entscheidend sei dafür das Erkennen und die systematische Überwachung verdächtiger Felshang- oder Gletscherbewegungen, erklärt Korup. «Nur detaillierte und lokal an Verdachtsflächen durchgeführte Messungen bieten derzeit praktikable Vorhersagen.» Großflächige Vorhersagen und Warnungen blieben dagegen schwierig.

Permafrost als Klebstoff

Wie stark der Klimawandel solche Extremereignisse beeinflusst, lässt sich den Experten zufolge noch nicht gesichert sagen. In den vergangenen Jahren habe es in verschiedenen Hochgebirgen eine Häufung großer Massenbewegungen gegeben, oftmals in Höhenlagen, in denen Permafrost vorkommt, erklärt Blöthe. Das Auftauen von alpinem Permafrost erhöht die Felssturzgefahr, weil gefrorenes Eis in Gesteinsklüften wie ein natürlicher Klebstoff wirkt, dessen Festigkeit bei Erwärmung drastisch abnimmt. Bei einem destabilisierten Hang steigt das Risiko, dass er abrutscht.


Bildnachweis: © Laurent Gillieron/KEYSTONE/dpa
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