14. Februar 2022 / News aus der Welt

Sind Deutschlands Corona-Regeln besonders streng?

3G in der Bahn, 2G plus in Restaurants, Homeoffice statt Büro: Manche meinen, Deutschland sei mit seinen Corona-Maßnahmen im weltweiten Vergleich besonders streng. Aber stimmt das?

Passanten laufen durch ein Einkaufszentrum auf dessen Fußboden ein Hinweisschild zur Maskenpflicht aufgeklebt ist.
von Christina Spitzm

In Diskussionen über die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wird Deutschland immer wieder als eines der Länder mit den strengsten Regeln angeführt.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) äußerte sich schon so - und bezog sich dabei auf den Covid-Stringency-Index der renommierten britischen Universität Oxford.

Behauptung: Deutschland gehört zu den Ländern mit den weltweit strengsten Corona-Maßnahmen.

Bewertung: Die Datenlage aus Oxford gibt das so nicht her.

Fakten: Mit dem Covid-Stringency-Index der Universität Oxford wird häufig versucht zu zeigen, wie streng die Corona-Maßnahmen in Deutschland sind. Denn im Vergleich zu anderen Ländern steht die Bundesrepublik in dem Index bei Beschränkungen häufig in der Spitzengruppe. Doch aufgrund dieser Daten eine Rangliste zu erstellen, würde massiv täuschen. Denn so einfach ist das nicht.

Selbst die Macher der Bewertung schreiben über den Covid-Stringency-Index: Dieser «sollte nicht als Maß für die Angemessenheit oder Wirksamkeit der Reaktion eines Landes (auf die Pandemie) interpretiert werden».

Was fließt in den Covid-Stringency-Index ein?

Die Universität Oxford bewertet neun Indikatoren: unter anderem Schul- und Betriebsschließungen, Absage öffentlicher Veranstaltungen oder Beschränkungen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Diese Einzelangaben werden zu einem übergeordneten Wert zusammengefasst.

So erhalten die Maßnahmen der einzelnen Staaten ein Gesamt-Rating zwischen 0 und 100. Mit Blick einzig und allein auf diese Angabe gehört Deutschland tatsächlich weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Wert. Doch wird häufig nicht erwähnt, dass jeweils die strengesten regionalen Regeln zählen - und keineswegs die bundesweit gültigen.

Falls es also in einem Land regional unterschiedliche Regelungen gibt, berücksichtigt der Stringency-Index die jeweils strengste Maßnahme für den gesamten Staat.

Wie kommt der Wert für Deutschland zustande?

Die Bundesrepublik stand dem Index zufolge seit Anfang Dezember mit einem Wert von 84,26 tatsächlich fast an der Spitze. Länder wie die Niederlande, die kurz vor Weihnachten in einen Lockdown mit geschlossenen Restaurants und Geschäften gingen, oder Dänemark, das große Teile des öffentlichen Lebens herunterfuhr, tauchten erst weit dahinter auf.

Das liegt an der föderalen Struktur Deutschlands. Haben Bundesländer oder gar einzelne Landkreise zeitweise strengere Regeln, als sie bundesweit vorgesehen sind, behandelt der Index das so, als würden die Maßnahmen deutschlandweit gelten.

Auch bewertet der Index vor allem die Maßnahmen für Ungeimpfte - obwohl sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung betreffen. 3G in Bus und Bahn oder 2G plus bei Veranstaltungen werden also als sehr streng eingestuft. Dabei ermöglichen sie vielen oder - im Fall von 3G - allen Menschen, die sich testen lassen, Zugang und Teilhabe.

Über Schulschließungen in Deutschland heißt es im Index für Dezember und fast den ganzen Januar: «erforderlich (für einige Ebenen oder Schultypen)». Doch arbeiten Schulen tatsächlich weitgehend mit Präsenzunterricht. Der Index bezieht aber auch Hochschulen mit ein - und dort gilt mitunter 3G.

Werden Deutschlands Maßnahmen überall so bewertet?

Nein. Der PHSM Severity Index der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ordnet die Schwere der Maßnahmen in Deutschland etwa im Mittelfeld ein. PHSM steht hier für «Public health and social measures», also Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und des sozialen Lebens.

Die Bereiche Schule, Arbeitsplatz oder Nahverkehr haben dort weitaus niedrigere Werte als im Index aus Oxford. Europäische Länder wie die Niederlande oder Litauen hingegen haben in der WHO-Übersicht deutlich höhere Einstufungen als Deutschland.

Kann man staatliche Corona-Maßnahmen überhaupt vergleichen?

Grundsätzlich ist es schwierig, die Covid-Regeln einzelner Staaten einander gegenüberzustellen, da sie zum Beispiel auch von der Altersstruktur der Bevölkerung, der verfügbaren medizinischen Versorgung und dem Immunitätslevel der Bevölkerung abhängen.

Griechenland ging etwa im Jahr 2020 in einen sehr strengen Lockdown, weil es mit rund 6 Intensivbetten pro 100.000 Einwohnern nur sehr wenige Kapazitäten für schwere Erkrankungen hatte. Zum Vergleich: Deutschland hatte damals rund 29 Betten pro 100.000 Einwohner. Südafrika schaffte Ende Januar 2022 viele Corona-Maßnahmen ab, weil laut Studien bereits rund 70 Prozent der Bevölkerung eine Corona-Infektion hatten.

Eine Analyse der Forschungsgruppe CoronaNet die ebenfalls Daten zu Corona-Maßnahmen in verschiedenen Ländern sammelt, deutet darauf hin, dass genauso institutionelle und politische Faktoren eine Rolle spielen: also zum Beispiel ob ein Staat autoritär oder demokratisch aufgebaut ist.


Bildnachweis: © Danny Gohlke/dpa
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