18. August 2022 / News aus der Welt

Schwierige Ursachenforschung zum Fischsterben

Die Suche nach dem Grund für das Fischsterben in der Oder dauert auch mehr als eine Woche nach den ersten Funden toter Tiere auf deutscher Seite weiter an - und gestaltet sich schwierig.

Ein toter Blei in der Oder.
Veröffentlicht am 18. August 2022 um 19:13 Uhr von dpa

Die Suche nach der Ursache für das massenhafte Fischsterben in der Oder dauert weiter an. Das Landeslabor Berlin-Brandenburg (LLBB) untersucht nach Angaben des Brandenburger Umweltministeriums weiterhin Wasserproben verschiedener Tage und Messpunkte sowie Fische.

Die Ursachenforschung gestalte sich auch deshalb schwierig, weil Informationen - auch von polnischer Seite - zu eventuellen Einleitungen oder konkreten Anlässen für die Umweltkatastrophe weiter fehlten, hatte das Ministerium am Mittwochabend mitgeteilt.

Laufende Untersuchungen hätten bisher keine eindeutigen Belege für eine singuläre Ursache für das Fischsterben in der Oder ergeben, teilte das Ministerium weiter mit. Bislang zeigten Analyseergebnisse keine besonders hohen Werte für Metalle wie etwa Quecksilber.

Experte: Wachstum toxischer Algen wohl Ursache

Ein weiterer Experte sah am Donnerstag die massive Vermehrung bestimmter Algen als entscheidenden Faktor. «Für mich stellt sich das relativ plausibel so dar, dass es zu dieser massiven Vermehrung von Algen gekommen ist - und im Zusammenhang ist die Abgabe von toxischen, von diesen Algen produzierten Substanzen gut dokumentiert», sagte Jörg Oehlmann, Leiter der Abteilung Aquatische Ökotoxikologie an der Goethe-Universität Frankfurt, der dpa.

«Von diesen Toxinen wissen wir auch, dass sie schon bei recht niedrigen Konzentrationen derartiges Fischsterben verursachen können.» Ob dies letztlich Blaualgen seien oder etwa die zuletzt in der Oder identifizierte giftige Algenart Prymnesium parvum bleibe aber erst noch zu klären, so Oehlmann.

Das Phänomen des massenhaften Algenwachstums ist Oehlmann zufolge entweder auf die hohen Temperaturen und die starke Sonneneinstrahlung oder die menschengemachte Einführung bestimmter Substanzen zurückzuführen.

Die Ursachenforschung zu der Katastrophe durch Analyse der Stoffe in der Oder sei nun eine wahre Sisyphusarbeit, da etwa 350.000 Substanzen potenziell in einer Wasserprobe vorhanden sein könnten - und auch eine ausführliche Diagnostik nie alle abdecke. «Es kann Wochen dauern, bis man die dahinter steckende Substanz auch wirklich identifiziert hat und beim Namen nennen kann», sagte Oehlmann.

In den untersuchten Wasserproben aus der Oder sind nach Angaben von Polens Regierung ebenfalls toxische Algen entdeckt worden. «Das Institut für Binnenfischerei in Olsztyn hat nach weiteren Untersuchungen seltene Mikroorganismen, sogenannte Goldalgen, in Wasserproben aus der Oder gefunden», sagte Umweltministerin Anna Moskwa. Die Blüte dieser Algen könne das Auftreten von Toxinen verursachen, welche Wasserorganismen wie Fische und Muscheln töten, aber für den Menschen nicht schädlich seien.

EU-Kommission dringt auf Ergebnisse

Die EU-Kommission ist nach eigenen Angaben höchst besorgt und drängte am Donnerstag bei den Untersuchungen zum Fischsterben in der Oder auf Ergebnisse. «Es ist höchst wichtig und dringend, die Ursache zu ermitteln und die geeigneten Maßnahmen flussabwärts zu ergreifen», sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde. «Je eher wir die Ursache dieser ökologischen Katastrophe ermitteln können, desto eher können wir damit beginnen, die weiteren Folgen für die Natur, die Fischerei, die Landwirtschaft und die Freizeitgestaltung zu bewältigen und zu begrenzen», sagte der Sprecher.

Die Stadt Frankfurt (Oder) forderte vom Land eine Analyse des Krisenmanagements zur Umweltkatastrophe an der Oder. So seien etwa in den ersten Tagen falsche Hoffnungen auf frühere Laborergebnisse zum Fischsterben geschürt worden, sagte Stadtsprecher Uwe Meier der Deutschen Presse-Agentur. Stattdessen sei die Stadt vom Land für ihre Eigeninitiative gerügt worden, die vielen toten Fische abzusammeln.

Das Umweltministerium machte weitere Angaben über das Bekanntwerden der Katastrophe in Brandenburg. Das Landesamt für Umwelt habe «konkrete Hinweise auf eine Umweltverschmutzung nicht – wie üblich – über die offiziellen Meldewege, sondern über das Landeslabor Berlin–Brandenburg» erhalten. «Ein Schiffsführer hatte sich beim LLBB gemeldet und über das Fischsterben berichtet.»

Die automatische Messgütestation Frankfurt (Oder) habe seit dem 5. August einen stärkeren Anstieg der elektrischen Leitfähigkeit verzeichnet, so das Ministerium. «Ab dem 7.8. steigen auch die Kurven der Parameter Sauerstoffgehalt und Chlorophyll an.» Diese seien für sich allein noch nicht interpretationsfähig gewesen. «Insbesondere lieferten sie mit Blick darauf, dass die Oder ohnehin witterungs- und klimabedingt unter Stress steht, noch keine genaueren Hinweise, wurden aber weiter beobachtet.»

Die Auswirkungen des massenhaften Fischsterbens in der Oder bekommen zunehmend auch Tourismusbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern zu spüren. «Die Hochsaison ist abrupt abgebrochen», sagte Elke Schmidt vom Campingpark Oderhaff bei Grambin der Deutschen Presse-Agentur. Auch in direkt vom Fischsterben betroffenen Regionen in Brandenburg gibt es nach Angaben des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree weniger Urlauber.


Bildnachweis: © Patrick Pleul/dpa
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