11. August 2021 / News aus der Welt

Schon mehr Erstgeimpfte? Abweichungen in RKI-Impfdaten

Die Corona-Impfquoten ziehen seit Monaten große Aufmerksamkeit auf sich. Was hat es zu bedeuten, wenn zwei verschiedene RKI-Erhebungen teilweise zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen?

Zahlreiche Impflinge warten in einer Schlange in den Messehallen in Hamburg auf ihre Impfung.
Veröffentlicht am 11. August 2021 um 16:23 Uhr von dpa

Einer Befragung des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge scheinen mehr Erwachsene in Deutschland mindestens einmal geimpft zu sein als bislang offiziell erfasst.

Der Unterschied zum sogenannten Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM), das dem Impfdashboard zugrundeliegt, sei besonders auffällig gewesen in der Altersgruppe der 18-59-Jährigen, geht aus einem RKI-Report zu der Befragung hervor. «In Bezug auf die Impfquoten zu vollständig Geimpften lag hingegen kein wesentlicher Unterschied vor», betonen die Autoren. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, sagte am Mittwoch auf Anfrage, die Ergebnisse seien kein Grund, die Impfquoten generell in Zweifel zu ziehen. «Wir unterschätzen womöglich die Zahl der Erstgeimpften etwas, aber wir sprechen hier über wenige Prozentpunkte.»

Während bei der Erhebung namens Covimo (kurz für: Covid-19 Impfquoten-Monitoring) 79 Prozent der Erwachsenen unter 60 Jahren angaben, mindestens einmal geimpft zu sein, waren es laut dem offiziellen System 59 Prozent. Dieses speist sich aus gemeldeten Impfungen von Impfzentren, Krankenhäusern, mobilen Impfteams, Betriebsmedizinern, Daten der niedergelassenen Ärzte und Privatärzte. Mehrere Überlegungen legten nahe, dass die Meldungen im DIM die Impfquoten vermutlich unterschätzen, während es durch die Befragung zu einer Überschätzung komme, heißt es im Report. Die tatsächliche Quote liege voraussichtlich dazwischen.

Die Autoren weisen darauf hin, dass bei der Interpretation der Ergebnisse beider Quellen eine «gewisse Unsicherheit» zu berücksichtigen sei. An der jüngsten Covimo-Erhebung nahmen rund 1000 Menschen teil, Ziel ist es, Erkenntnisse zu Impfbereitschaft und -akzeptanz zu erhalten. In den fünf früheren Runden lagen die Impfquoten beider Quellen «auf einem vergleichbaren Niveau», wie es hieß.

Aus Sicht von Watzl sind Befragungen relativ kleiner Bevölkerungsgruppen wenig geeignet, um eine Impfquote abzuleiten, daher dürfe man die verzeichneten Unterschiede nicht überbewerten.

Im Bericht werden verschiedene Erklärungsansätze angeführt. Ein Punkt ist die Erfassung der Impfungen mit Johnson & Johnson, bei denen im Unterschied zu den anderen Herstellern nur eine Dosis für den vollen Schutz vorgesehen ist. Vertragsärzte meldeten diese Immunisierungen ausschließlich als zweite Impfdosen, zudem sei keine Zuordnung von Impfstoff und Altersgruppe möglich, erläutert das RKI. In den DIM-Daten findet sich mittlerweile ein Hinweis, dass die nach Altersgruppe aufgeschlüsselten Impfquoten der mindestens einmal geimpften Erwachsenen «systematisch zu niedrig ausgewiesen» werden.

Im Report heißt es darüber hinaus, dass bisher nur etwa die Hälfte der beim Meldesystem registrierten Betriebsärzte Impfungen über die Webanwendung meldeten. «Dies könnte ein Hinweis auf eine Untererfassung der Impfquoten durch DIM sein.»

Die RKI-Autoren diskutieren weitere denkbare Einflussfaktoren: etwa potenzielle Verzerrungen in der Befragung, die zu einer Überschätzung der Quote führen könnten. So sei etwa anzunehmen, dass Menschen, die Impfungen befürworten, eher mitmachen als Verweigerer. Auch Menschen ohne ausreichende Deutschkenntnisse hätten nicht an den Interviews teilnehmen können. Für beide Aspekte geben die Autoren aber zu bedenken, dass dann auch bei den vollständig Geimpften eine größere Abweichung zwischen den Quellen hätte auftreten müssen.

In dem Bericht zur Befragung heißt es, dass demnach 91,6 Prozent impfbereit oder bereits geimpft seien. «Die Covid-19-Impfbereitschaft der Bevölkerung liegt auf einem hohen Niveau.»

Nach Ansicht von Carsten Watzl werden im RKI-Bericht einige erstzunehmende Punkte angesprochen, etwa das Problem der Johnson & Johnson-Erfassung durch Vertragsärzte und die offenbar noch unvollständige Beteiligung von Betriebsärzten an den Meldungen. Der Immunologe geht allerdings davon aus, dass es sich um ein vorübergehendes Problem handelt: «Die Daten werden irgendwann kommen, Impfungen werden ja auch abgerechnet. Wir können uns nicht einerseits beschweren, dass Ärzte mit zu viel Bürokratie belastet werden, und andererseits sofort vollkommene Daten erwarten.» Auch der Datenschutz in Deutschland spiele eine Rolle.

Die angenommene Unterschätzung bei mindestens einfach Geimpften ändere auch nichts an der Tatsache, dass die Anzahl verabreichter Impfungen zuletzt tatsächlich zurückgegangen sei, betonte der Dortmunder Wissenschaftler: «Wir wissen, dass noch nicht genug Leute geimpft sind.»


Bildnachweis: © Christian Charisius/dpa
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