18. August 2021 / News aus der Welt

Notfälle am Klettersteig: historisch wenig Tote 2020

Historisch wenig Bergtote, gleichbleibende Unfallzahlen, aber mehr Einsätze an Klettersteigen und beim Mountainbiken: Das ist die Bilanz des Deutschen Alpenvereins für das Corona-Jahr 2020.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) veröffentlichte seine Bergunfallstatistik 2020.
Veröffentlicht am 18. August 2021 um 15:39 Uhr von Sabine Dobel, dpa

Tränen fließen. Die Kraft reicht nicht. Und die Griffe sind viel zu weit weg. Der kleine Junge hängt in dem Klettersteig Rio Sallagoni in den Gardasee-Bergen und kommt nicht vor - und auch nicht zurück.

Unter gutem Zureden und mit vereinten Kräften schieben Vater und Mutter den Kleinen retour. Sie erreichen ohne fremde Hilfe den Ausgang. Doch immer öfter müssen Bergretter ausrücken, um überforderte Kinder und Jugendliche aus Klettersteigen zu holen. Das zeigt die am Mittwoch in München vorgestellte Bergunfallstatistik des Deutschen Alpenvereins (DAV) 2020.

Dabei stiegen die Notfall- und Unfallzahlen im Corona-Jahr 2020 nur bei den Trendsportarten Klettersteiggehen und Mountainbiken. Bei den Todesopfern gab es sogar einen historischen Tiefstand.

Appelle zur Zurückhaltung befolgt

Das Jahr und damit auch die Unfallzahlen seien «ganz klar von Corona geprägt gewesen», sagte Lukas Fritz von der DAV-Sicherheitsforschung. «Es ist wahrscheinlich, dass viele Menschen die Appelle der Alpenvereine zur Zurückhaltung ernst genommen haben.» Die Sorge, dass der pandemiebedingte Ansturm auf die Berge die Unfälle nach oben schnellen lassen könnte, habe sich zumindest bei den DAV-Mitgliedern 2020 nicht bestätigt, sagte Sprecher Thomas Bucher. Es sei aber in jeder Hinsicht «ein ungewöhnliches Jahr» gewesen.

28 DAV-Mitglieder kamen 2020 in den Bergen ums Leben - halb so viele wie im Jahr zuvor (56), in dem es aber ungewöhnlich viele Todesfälle gab. Zugleich sei es die geringste absolute Zahl seit der ersten Statistik 1952, obwohl der Verband mit knapp 1,4 Millionen heute die gut zehnfache Mitgliederzahl hat.

Wermutstropfen: In diesem Jahr, für das der DAV noch keine Zahlen hat, meldet die Polizei im südlichen Oberbayern die hohe Zahl von 33 Todesopfern - im gesamten vergangenen Jahr waren es 34. Dabei stehe heuer der Herbst mit seiner Wandersaison noch bevor, sagte der Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, Stefan Sonntag. Viele unterschätzten ihre Leistungsfähigkeit oder die Gefahren - zugleich seien pandemiebedingt sehr viele Menschen in den Bergen unterwegs.

Langfristig weniger Not- und Unfälle erwartet

Allein in den vergangenen zwei Wochen stürzten zwei Menschen am Watzmann in den Tod, erst eine 39-Jährige, Tage später ein 59-Jähriger. Diese Woche erschütterte das Unglück oberhalb der Höllentalklamm die Menschen - eine Frau starb, als eine Flutwelle durch die Schlucht rauschte.

Insgesamt setzte sich nach den DAV-Zahlen im vergangenen Jahr aber der langfristige Trend sinkender Not- und Unfälle in fast allen Bergsportdisziplinen fort. Zwar passierten die meisten - zwölf - tödlichen Unfälle beim Wandern. Die Wanderer sind allerdings auch die bei weitem größte Gruppe der Bergsportler. Statistisch sei das Risiko, beim Wandern zu verunglücken, extrem gering: Ein Bergsportler müsse demnach rund 228 Jahre lang jeden Tag eine Wanderung unternehmen, ehe er eine Verletzung erleide.

Bei den Unfallzahlen 2020 spielten auch der Lockdown und die geschlossenen Grenzen im Frühjahr eine Rolle. Damit platzte die Skitourensaison, die sonst von März bis Mai Tourengeher ins Hochgebirge etwa in Österreich oder in die Schweiz lockt.

Weniger Unfälle im Winter, in etwa gleichbleibende Zahlen im Sommer, viele Einsätze mit Mountainbikern und eine Zunahme der Einsätze mit unverletzten, blockierten oder hilfsbedürftigen Menschen - diese Trends registriert auch die Bergwacht Bayern.

Unterschätzte Klettersteige

Der DAV-Statistik zufolge ging es in mehr als der Hälfte der Vorfälle an Klettersteigen um Blockierungen, bei denen die Betreffenden nicht weiterkommen. Ein Viertel der Fälle betraf Stürze. Klettersteige würden teils unterschätzt, hieß es. Nicht belegbar ist, ob angesichts geschlossener Freizeiteinrichtungen mancher sich auf der Suche nach Neuem ohne entsprechende Erfahrung in einen Klettersteig wagte.

Bei den Mountainbikern sorgten vor allem Unfälle in Bikeparks für steigende Zahlen. Der Anteil der Unfälle mit E-Bikes sei mit zwölf Prozent überraschend gering. Das konfliktträchtige Miteinander von Wanderern und Mountainbikern, das auch schon zu handgreiflichen Auseinandersetzungen führte, sei immerhin nicht unfallträchtig: In 20 Jahren sei beim DAV nicht ein einziger Zusammenstoß bekannt geworden.

Der DAV wertet für die Statistik nur Daten seiner Mitglieder aus - weltweit, auch Unfälle außerhalb deutscher Grenzen sind einbezogen.


Bildnachweis: © Tobias Hase/ dpa
Copyright 2021, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Ihre Nachrichten fehlen auf der Rheda-Wiedenbrück App? 

Meistgelesene Artikel

Jetzt noch eine Ausbildung im Handwerk beginnen? Es ist nicht zu spät!
Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld

Obwohl der offizielle Start des Ausbildungsjahres am 1. August liegt, ist es keineswegs zu spät, sich auch jetzt oder...

weiterlesen...
Sonnenfinsternis - Wo könnte es noch Schutzbrillen geben?
News aus der Welt

Am Mittwoch sollen bis zu 90 Prozent der Sonne verschwinden. Wer das Schauspiel beobachten will, braucht speziellen Augenschutz. Doch wo könnte es jetzt noch die passende «SoFi-Brille» geben?

weiterlesen...
Großbrand in Sprendlingen gelöscht - Evakuierung aufgehoben
News aus der Welt

Stundenlang ist die Feuerwehr in Rheinhessen mit einem Großaufgebot im Einsatz und kann Schlimmeres verhindern: Bewohner dürfen zurück, die Bahnstrecke ist wieder frei.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Sarah Connor tritt 2027 beim Park Spektakel in Rheda-Wiedenbrück auf
Lokalnachrichten Rheda-Wiedenbrück

Sarah Connor kommt am 27.8.2027 nach Rheda-Wiedenbrück. Der Vorverkauf startet am Montag um 15 Uhr.

weiterlesen...
Lotto-Jackpot von 50 Millionen Euro in Thüringen geknackt
News aus der Welt

Seit dem Start der Lotterie im Oktober 1955 hat es noch nie so lange gedauert, bis die sechs Richtigen plus Superzahl getippt wurden. In Thüringen wurde der Jackpot nun geknackt.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Lotto-Jackpot von 50 Millionen Euro in Thüringen geknackt
News aus der Welt

Seit dem Start der Lotterie im Oktober 1955 hat es noch nie so lange gedauert, bis die sechs Richtigen plus Superzahl getippt wurden. In Thüringen wurde der Jackpot nun geknackt.

weiterlesen...
Wegen Ätna-Asche weniger Landungen am Flughafen von Catania
News aus der Welt

Nach einer Woche mit massiven Einschränkungen kehrte am Flughafen Catania Ruhe ein - doch neue Asche sorgt erneut für leichte Störungen im Flugverkehr.

weiterlesen...