25. April 2025 / News aus der Welt

Istanbul: Nachbeben versetzen Bevölkerung weiter in Unruhe

Zwei Tage nach dem starken Beben erschüttern immer wieder Erdstöße Istanbul und die Region. Noch immer trauen sich viele nicht zurück in ihre Häuser.

Menschen trauen sich weiterhin nicht zurück in ihre Gebäude
Veröffentlicht am 25. April 2025 um 12:29 Uhr von dpa

Zwei Tage nach dem starken Istanbuler Beben gibt es weitere Erschütterungen rund um die Metropole. Am frühen Morgen ereigneten sich an einer vor der Stadt gelegenen Plattengrenze Beben mit einer Stärke von bis zu 3,6, wie der Katastrophendienst Afad mitteilte. Menschen verbrachten die Nacht erneut im Freien, zum Beispiel in Sportstadien, wie verschiedene türkische Medien berichteten. Viele sorgen sich vor einem weiteren, heftigeren Beben.

Am Mittwoch registrierte Afad kurz vor 13.00 Uhr Ortszeit das bislang stärkste Beben der Stärke 6,2 mit einem Epizentrum im vor der Stadt gelegenen Marmarameer. Zahlreiche weitere Erdstöße folgten. Bisher habe es rund 300 Nachbeben gegeben. Diese können auch in den kommenden paar Wochen noch anhalten.

Starkes Beben in Istanbul nun wahrscheinlicher 

Die Türkei liegt in einer der seismisch aktivsten Gegenden der Welt. Mehr als eine Million Gebäude in Istanbul gelten als nicht erdbebensicher. Laut Experten gilt zudem ein Beben der Stärke 7 als überfällig. Das Beben von Mittwoch habe ein solch starkes Beben nun noch mal wahrscheinlicher gemacht, denn damit sei ein Teil der ohnehin schon kritisch geladenen Verwerfung vor Istanbul aktiviert worden, sagte Marco Bohnhoff vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam.

Im vor der 16-Millionen-Stadt gelegenen Marmarameer verläuft eine aktive Plattengrenze, die Nordanatolischen Verwerfung. Istanbul selbst gilt als besonders gefährdet, da sich die Verwerfung nur etwa 15–20 km südlich der Stadt entlangzieht. 

Nicht nur Gebäudesubstanz macht Erdbeben so gefährlich

Istanbulerinnen und Istanbuler machen fast 20 Prozent der türkischen Bevölkerung aus. Um die Metropole dauerhaft sicher zu machen, fordern zahlreiche Stimmen aus der Politik mehr Maßnahmen - und prangern fehlende Bemühungen vonseiten der Regierung an. Ein Politiker der nationalkonservativen Oppositionspartei Iyi sagte im Parlament mit Blick auf die schlechte Vorbereitung der Stadt, die Menschen würden «in Särgen und nicht in Wohnungen» leben. Der politische Analyst Levent Gültekin kritisierte in einem Video: «Wir warten auf das Erdbeben wie die Schafe auf die Schlacht.»

Nicht nur die Gebäudesubstanz ist ein großes Risiko in der Metropole. In der Stadt fehlt es etwa auch an Evakuierungsplanung und -infrastruktur sowie an Aufklärung der Öffentlichkeit. Auch Mängel bei der Bauaufsicht und Korruption sind weit verbreitet. Zudem wurden in der Vergangenheit immer wieder - und nicht nur in Istanbul - Tausende illegal errichtete Gebäude nachträglich über Baumamnestien legalisiert.

Zahlreiche Menschen verließen wegen der Erdbeben und der Angst vor weiteren zumindest vorübergehend die Stadt. Doch die Option haben nicht alle. Das Land plagt eine starke Wirtschaftskrise, der starke Anstieg der Preise etwa von Lebensmitteln hat viele Menschen nicht nur in Istanbul in die Armut gedrängt.

Erdbeben konkurriert mit anderen Krisen im Land

Für viele in der Stadt rückt die Erdbebengefahr auch wegen zahlreicher anderer politischer Krisen im Land in den Hintergrund – etwa das Verfahren gegen den inhaftierten und abgesetzten Istanbuler Bürgermeister, Prozesse gegen protestierende Studierende oder gesellschaftlich umstrittene Regelungen wie die teilweise Einführung eines Kaiserschnittverbots.


Bildnachweis: © Khalil Hamra/AP/dpa
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