6. Juni 2022 / News aus der Welt

Ukrainerinnen unter Opfern von Garmisch-Partenkirchen

Fünf Menschen sterben am Pfingstwochenende, weil eine Regionalbahn plötzlich entgleist. Vermisst wird nach dem Unfall niemand mehr. Verursachte ein technischer Defekt das Unglück bei Garmisch-Partenkirchen?

Die Reste des Unglücks werden abtransportiert.
von Roland Losch und Kathrin Zeilmann, dpa

Unter den vier beim Zugunglück von Garmisch-Partenkirchen getöteten Frauen sind auch zwei Mütter aus der Ukraine, die mit ihren Kindern nach Bayern geflüchtet waren.

Das fünfte Todesopfer sei ein 14-Jähriger aus der Region, sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Pfingstmontag dem Bayerischen Rundfunk. Eine Person schwebe weiterhin in Lebensgefahr.

Herrmann sagte weiter, die Unfallursache werde «mit dem Schwerpunkt in Richtung technische Defekte gesucht». Fahrgestelle von Waggons seien bereits sichergestellt worden, «und es wird im Moment auch überlegt, inwieweit einzelne Schienen oder Schwellen sichergestellt werden müssen. Auf jeden Fall werden die im Moment peinlichst genau untersucht und vermessen», sagte der Minister. Nach einem Bericht der Zeitung «Die Welt» plante die Deutsche Bahn auf der Unglücksstrecke in Kürze Sanierungsarbeiten an den Gleisen.

Der letzte umgestürzte Waggon wurde am Montag von Kränen geborgen und für den Abtransport zerlegt. Die Kirchen hatten für den Abend zu einem ökumenischen Gebet in die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Garmisch-Partenkirchen eingeladen.

Späte Bergung der Opfer

Der DB-Regionalexpress nach München war am Freitagmittag kurz nach der Abfahrt auf der eingleisigen Strecke mit rund 140 Fahrgästen direkt neben einer Bundesstraße entgleist. Dabei kamen vier Frauen im Alter von 32, 39, 70 und nach bisherigen Erkenntnissen 51 Jahren sowie der 14-jährige Junge ums Leben. 40 Menschen wurden verletzt.

Eine Frau war auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Die drei anderen Frauen und der Junge konnten erst am Samstag unter den umgestürzten Waggons geborgen werden. Weil die Verletzten mit Rettungshubschraubern und Rettungswagen in mehrere Krankenhäuser, auch in Österreich, gebracht wurden, hatten bis Samstagmittag noch sieben Menschen als vermisst gegolten. Laut Herrmann waren am Montag noch mehrere Verletzte im Krankenhaus.

Drei Straßenkräne und ein aus Wanne-Eickel herangebrachter Schienenkran mit 250 Tonnen Hebeleistung legten die drei über eine Böschung herabgestürzten Doppelstock-Waggons so, dass sie von Baggern mit Scherenarmen halbiert werden konnten. Die Waggonhälften wurden dann auf Tiefladern in eine nahe Kiesgrube gefahren. Starker Regen erschwerte die Arbeiten am Freitag und am Sonntag.

Die Ermittlungen zur Unfallursache führt eine Soko «Zug» unter Leitung der Staatsanwaltschaft München II. Die Ermittler werden von Sachverständigen vor Ort unterstützt. Auch die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) ist beteiligt, wie eine Bahnsprecherin sagte.

Der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) hatte gesagt, den Experten vor Ort zufolge sei ein technischer Defekt «die wahrscheinlichste Ursache». An dem Unglück sei kein anderes Fahrzeug beteiligt gewesen. Der Zugführer wurde vernommen. Was er gesagt hat, teilte die Polizei nicht mit.

Nadelöhr für Urlauber

Die Strecke ist nach Angaben eines Bahnsprechers mit elektronischen Stellwerken und moderner Sicherungstechnik ausgerüstet. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), der mit Bahnchef Richard Lutz den Unglücksort am Samstag besucht hatte, versprach eine umfangreiche Aufarbeitung. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte seine Bestürzung mitgeteilt und Polizei und Rettungskräften gedankt. An mehreren Stellen rund um die abgesperrte Unglücksstelle hatten Bürger Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.

Für die Region um die Zugspitze bedeutet das Unglück auch verkehrstechnisch eine große Herausforderung, auf einer Strecke, die ohnehin als Nadelöhr für Urlauber und Ausflügler bekannt ist. Am Samstag begannen in Bayern die Pfingstferien. Die Bundesstraße ist in der Region wegen der Bergungsarbeiten weiter gesperrt. Die Zufahrt zu den Passionsspielen im nahe gelegenen Oberammergau ist möglich.

Die Begutachtung und Instandsetzung der Bahnstrecke könne erst nach Abschluss der Bergungsarbeiten beginnen, eine Prognose zur Freigabe der Strecke sei nicht möglich, teilte die DB mit. Ersatzbusse seien im Einsatz, aber von nicht zwingend erforderlichen Zugfahrten im Bereich Garmisch-Partenkirchen - Murnau werde abgeraten.

Gedenkgottesdienst geplant

Die beiden großen Kirchen planen für den 11. Juni in Garmisch-Partenkirchen einen Gedenkgottesdienst mit dem Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, und dem evangelischen Regionalbischof Christian Kopp. Weitere Details wolle man im Lauf der Woche bekanntgeben, teilte ein Sprecher des Erzbistums München-Freising am Montag mit.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hatte am Samstag an der Unglücksstelle von einem «Stich ins Herz» gesprochen. In dem Regionalzug waren am letzten Schultag vor den Pfingstferien auch viele Schulkinder gewesen. Erst im Februar waren in Schäftlarn südlich von München zwei S-Bahnen auf eingleisiger Strecke frontal zusammengestoßen, ein Fahrgast war ums Leben gekommen, 18 Menschen waren verletzt worden.


Bildnachweis: © Angelika Warmuth/dpa
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