11. Februar 2024 / News aus der Welt

Lehrerin im Rollstuhl unterrichtet Grundschüler im Sport

Seit einem Sportunfall während ihres Studiums ist ein Bein von Sina Wiedemeier gelähmt. Trotzdem hielt sie an ihrem Traumberuf fest: Sportlehrerin. Heute unterrichtet sie an einer Grundschule.

Sportlehrerin Sina Wiedemeier in der Turnhalle ihrer Grundschule im Landkreis Cuxhaven.
Veröffentlicht am 11. Februar 2024 um 09:34 Uhr von Janet Binder, dpa

Nach dem Abitur stand Sina Wiedemeiers Berufswunsch fest: Sie wollte Sportlehrerin an einer Grundschule werden. «Ich habe den Sport geliebt», sagt Wiedemeier, die fürs Handballspiel lebte. Während ihres Lehramtsstudiums passierte es dann: In einer Praxiseinheit stürzte die damals 23-Jährige unglücklich vom Schwebebalken. Seitdem ist ihr linkes Bein vom Fuß bis zur Hüfte gelähmt, sie sitzt im Rollstuhl.

Seit zwei Jahren arbeitet die 30-Jährige dennoch als Sportlehrerin an der Grundschule Nordholz im Landkreis Cuxhaven. Es sei ein langer und harter Weg bis dahin gewesen, sagt sie und fügt hinzu: «Ich bin glücklich, dass ich meinen Traumjob ausüben kann.»

«Viel schwieriger, Mathe zu unterrichten»

Auf ihrem Stundenplan stehen pro Woche 20 Stunden Sport und zwei Stunden Mathematik, während der Arbeitszeit steht ihr eine Assistenzkraft zur Seite. Stets dabei ist auch ihre Assistenzhündin Nala. «Viele denken, dass Sportunterricht für mich nicht machbar ist, aber das ist ein Trugschluss», sagt die Lehrerin. «Für mich ist es viel schwieriger, Mathe zu unterrichten. Im Klassenzimmer gibt es viel mehr Barrieren.» Sina Wiedemeier hat eine Hightech-Beinorthese, mit der sie kurze Strecken gehen kann. Überanstrengt sie sich aber, kommt es zu unkontrollierbaren Spastiken. Deshalb nutzt sie im Klassenzimmer ihren Rollstuhl. «Im Sitzen ist es aber schwierig, an die Tafel zu schreiben oder zu den Kindern an die Tische zu kommen.»

In der Turnhalle dagegen kann sie sich auch mit dem Rollstuhl frei bewegen. Sie unterrichtet Kinder der ersten und zweiten Klasse. «Wir machen Lauf-, Fang- und Kooperationsspiele», sagt Sina Wiedemeier. Gemeinsam mit ihrer Assistenzkraft und den Kindern baut sie dafür Parcours auf. Bälle transportiert Wiedemeier in einem umgedrehten Kasten auf dem Schoß, den Mattenwagen kann sie ebenfalls problemlos schieben. Wenn die Kinder Rückwärts- und Vorwärtsrollen machen sollen, leitet sie an. Die Schülerinnen und Schüler helfen sich dabei gegenseitig. «Ich erkläre genau, wo welcher Handgriff gemacht werden muss, und schaue, ob sie die richtigen Griffe anwenden.» Kinder, die sich gut bewegen können, machen die Übungen zudem vor. «Der Unterricht entspricht voll und ganz dem Lernplan», betont sie.

Computergesteuerte Gelenkorthese

Dass sie als Sportlehrerin arbeiten kann, war nach dem folgenschweren Unfall vor fast acht Jahren nicht absehbar. «Man denkt, das Leben ist vorbei», sagt Sina Wiedemeier rückblickend. Ein Dreivierteljahr war sie im Krankenhaus und in der Reha. Nach ihrer Entlassung sollte sie in eine Pflegeeinrichtung, an ein selbstständiges Leben war nicht zu denken. Stattdessen zog sie zu einer befreundeten Physiotherapeutin.

Mit ihrer Hilfe stärkte sie in Reittherapiestunden ihren Rumpf so gut, dass sie 2019 mit einer computergesteuerten Gelenkorthese erste Gehversuche machen konnte. «Das war ein harter Prozess», sagt sie. Aber es habe sich gelohnt. «Es ist so ein großes Geschenk, aufstehen und auf Augenhöhe mit anderen reden zu können», betont sie.

Rektorin: «Haben das als Chance gesehen»

Trotz aller Widerstände setzte sie ihr Studium fort. «Ich hatte mir überlegt, ob ich statt Sport ein anderes Fach wählen oder Richtung Sporttherapie gehen sollte.» Aber sie wollte dann doch nicht ihren Traum aufgeben, sie wollte mit Kindern arbeiten und Sport unterrichten. Während ihres Studiums seien ihr viele Steine in den Weg gelegt worden, sagt sie. Aber sie biss sich durch. Ihre Masterarbeit schrieb sie über ihren eigenen Fall: Wie man die Gangqualität durch therapeutisches Reiten sportmedizinisch verbessern kann. Ihr Referendariat schloss sie mit der Note 1,9 ab, seit zwei Jahren arbeitet sie als Sport- und Mathematik-Lehrerin an der Grundschule Nordholz. Ihre Verbeamtung steht kurz bevor.

Die Grundschule ist seit 2004 inklusiv, lange bevor dies in Niedersachsen verpflichtend wurde. Gedacht wurde dabei vor allem an Kinder mit körperlichen und motorischen Einschränkungen. Eine Lehrkraft im Rollstuhl habe die Schule vor Sina Wiedemeier nie gehabt, sagt Schulrektorin Sabine Peters. Als sie Wiedermeier kennengelernt habe, habe sie jedoch keinerlei Bedenken gehabt, sie im Sportunterricht einzusetzen. «Im Gegenteil: Wir haben das als Chance gesehen zu schauen, wie wir den Sportunterricht an die inklusive Schule anpassen und verbessern können», sagt Sabine Peters. Auch aus der Elternschaft habe sie nicht eine Stimme gehört, die geäußert hätte, dass es schwierig werden könnte. «Alle sind sehr positiv gestimmt», betont Peters.

Schulen für Lehrkräfte im Rollstuhl oft ungeeignet

Sina Wiedemeier fühlt sich von ihrer Schulleitung und dem Kollegium denn auch sehr gut unterstützt. Sie würde sich wünschen, dass mehr Menschen mit Beeinträchtigungen als Lehrkräfte arbeiten könnten. Dies sei aber nur an Schulen mit Barrierefreiheit möglich. Und daran mangelt es ihrer Erfahrung nach noch erheblich. Die ersten Bewerbungen nach ihrem Referendariat an diversen Grundschulen in ihrem Landkreis musste sie wieder zurückziehen, weil keine einzige für Lehrkräfte im Rollstuhl geeignet war.

Wenn Sina Wiedemeier eine Klasse neu übernimmt, erklärt sie kindgerecht, warum sie im Rollstuhl sitzt beziehungsweise eine Orthese trägt. «Und dann ist das Thema durch. Die Kinder machen null Unterschied, ob ich gehe oder sitze», betont sie. Sie sei sogar schon von Eltern gefragt worden, ob sie einen Unfall gehabt und sich ihr Bein gebrochen habe. «Die Kinder erzählen zu Hause nicht, dass ihre Lehrerin im Rollstuhl sitzt. Für sie ist das gar kein Thema.» Im Gegenteil, im Rollstuhl könne sie im wahrsten Sinne des Wortes mit den Kindern auf Augenhöhe sprechen.


Bildnachweis: © Sina Schuldt/dpa
Copyright 2024, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Ihre Nachrichten fehlen auf der Rheda-Wiedenbrück App? 

Meistgelesene Artikel

Goldener Kamm in Gütersloh
Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld

Am 11. Oktober treten die besten Nachwuchsfriseure aus Nordwestdeutschland in der Stadthalle Gütersloh gegeneinander...

weiterlesen...
Sonnenfinsternis - Wo könnte es noch Schutzbrillen geben?
News aus der Welt

Am Mittwoch sollen bis zu 90 Prozent der Sonne verschwinden. Wer das Schauspiel beobachten will, braucht speziellen Augenschutz. Doch wo könnte es jetzt noch die passende «SoFi-Brille» geben?

weiterlesen...
Kapitän nach Fährunglück vor Zypern festgenommen - Acht Tote
News aus der Welt

Wie konnte es zu dem Fährunglück mit mehreren Toten kommen? Auf Zypern wird der Kapitän des Schiffes festgenommen - viele Menschen werden noch vermisst.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Korruptionsaffäre in Monaco zieht weitere Kreise
News aus der Welt

Ein geplatztes Großprojekt, Ermittlungen und gegenseitige Vorwürfe: Die Korruptionsaffäre in Monaco nimmt weiter Fahrt auf.

weiterlesen...
Der Inner Wheel Club Rheda-Wiedenbrück trauert um seine Gründungspräsidentin Issy Dresing
Lokalnachrichten Rheda-Wiedenbrück

Issy Dresing prägte den IWC mit Projekten für Alleinerziehende und Kinder

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Korruptionsaffäre in Monaco zieht weitere Kreise
News aus der Welt

Ein geplatztes Großprojekt, Ermittlungen und gegenseitige Vorwürfe: Die Korruptionsaffäre in Monaco nimmt weiter Fahrt auf.

weiterlesen...
Prozess um Tod dreier Kinder in den USA endet ohne Urteil
News aus der Welt

Eine Mutter räumt ein, ihre Kinder getötet zu haben und wäre laut Berichten trotzdem fast freigesprochen worden. Ein einzelner Geschworener soll ein einstimmiges Urteil verhindert haben.

weiterlesen...