8. Juli 2022 / News aus der Welt

Frieren gegen Putin? Freibad beheizt Wasser nicht mehr

Die Stadt Detmold beheizt ihre Freibäder nicht mehr. Sie will Gas einsparen und damit Vorbild sein. Was sagen die Schwimmer in dem Freibad? Und was bringt die Maßnahme eigentlich?

In den Freibädern in Detmold wird das Wasser nicht mehr beheizt.
von Carsten Linnhoff, dpa

Der Steinboden auf dem Weg von der Umkleidekabine zurück zum Becken im Freibad Hiddesen in Detmold ist kühl. Noch schnell abduschen. Den Körper gewöhnen an die Wassertemperatur von 24 Grad - zwei Grad weniger als noch im Juni.

Die Stadt in Nordrhein-Westfalen setzt ein Zeichen, will Gas einsparen und beheizt seine Freibäder nicht mehr. Die Luft ist mit 23 Grad noch ein Grad niedriger. An diesem Morgen weht ein leichter Wind. Ab und zu schiebt sich eine Wolke vor die Sonne - hier von Putins dunklem Schatten zu sprechen wäre wohl ein übertriebenes Bild.

Das Wasser im 50-Meter-Becken am Rande des Teutoburger Waldes leuchtet verführerisch blau. Auf den acht Bahnen tummeln sich etwa 15 Schwimmer. Die üblichen Verdächtigen an einem Morgen in der Woche. Hier zwei Frauen und ein Mann auf den Bahnen zwei bis vier. Die Truppe kennt sich, hält beim Schwimmen ein Schwätzchen. Dort auf Bahn 1 macht eine Frau in der Ecke eine kurze Pause, ruft dabei rüber und fragt nach einem Bekannten, den sie schon länger nicht mehr gesehen hat. Nur vereinzelt sind Schüler im Becken, obwohl in Nordrhein-Westfalen die Ferien längst begonnen haben.

Schwimmerin: «Ich merke nix»

Alles wie immer in Detmold? Wie schwimmt es sich, wenn eine Stadtverwaltung das Sparen anordnet, damit die Gasspeicher vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gefüllt werden können? Die Schwimmerin im mittleren Alter auf Bahn 5 ist überrascht. Von der Aktion der Stadt in allen vier Freibädern hatte sie noch nichts gehört. «Wie, zwei Grad kälter? Ich merke nix», sagte die Frau und schwimmt weiter.

Die Frau auf Bahn 3, nach eigener Aussage 81 Jahre alt und mit schwarzen Haaren deutlich jünger wirkend, ist eigentlich auch sehr entspannt, will ihrer Empörung aber kurz Ausdruck verleihen. «Ältere Menschen brauchen etwas mehr Temperatur. Wir merken das schon», merkt sie klagend an. «Jetzt müssen wir aber weiter, wir sind noch nicht fertig.» Ihre Schwimm-Freundin auf Bahn 2 fragt, warum es denn so radikal sein muss. «Warum die Heizung ganz ausschalten, würde es nicht auch helfen, wenn noch zumindest etwas geheizt würde?» - und schnell abstoßen für die nächste Bahn.

Kinder und Jugendliche würden doch jetzt erst recht nicht kommen, wenn das Wasser kälter ist, hatte das Duo auf Bahn 2 und 3 zuvor noch eingeworfen. Da ist Isabel Bark, stellvertretender Vorsitzende der Freibadinitiative Hiddesen, allerdings entspannt. Das Wetter sei bislang ja gut, der Verein, der den Betrieb des Bades betreut, habe nach der Ankündigung der Stadt bislang keinen Rückgang bei den Besucherzahlen bemerkt.

Versorgungssicherheit beim Gas

Miriam Mikus, Detmolds Erste Beigeordnete, erklärt: «Wir haben in der Geschäftsführung der DetCon, zu der auch die Geschäftsführung der Stadtwerke gehört, überlegt, dass es jetzt gut wäre, einen ersten Schritt für die Versorgungssicherheit beim Gas im nächsten Winter zu machen.» Auslöser sei das Ausrufen der Alarmstufe durch die Bundesregierung gewesen. «Deshalb fiel die Entscheidung auch nicht bereits zu Beginn der Freibadsaison, sondern erst Ende Juni», sagt Mikus der dpa. «Das Problem: Wegen der Wasserknappheit in der Region wollen wir gleichzeitig auch eine Kampagne starten, dass die Leute Wasser sparen. Zum Beispiel durch weniger Wasserverbrauch in privaten Pools.»

Da habe man hin und her überlegt und abgewogen. «Die Entscheidung fiel dann zugunsten der Versorgungssicherheit beim Gas aus, da Wasser auch auf andere Weise gespart werden kann und zudem derzeit davon auszugehen ist, dass wir einen warmen Sommer haben. Und dann bleiben auch die Wassertemperaturen angenehm zum Baden.» Die ersten Reaktionen der Bürger fielen gemischt aus. Es gab Lob, aber auch sofort Kritik. Wie viel die Stadt in Euro einsparen würde, sei nicht ausgerechnet worden. Aber die Gasmenge. «Pro Jahr wäre das der Verbrauch von 100 Haushalten à vier Personen. Für das laufende Jahr sparen wir somit noch Gas für rund 65 Haushalte à vier Personen ein», sagt Mikus.

Frieren gegen Putin? Im Freibad in Detmold wird es nur oberhalb der Wasseroberfläche etwas ungemütlich. Der Wind ist frisch. Nach rund 45 bis 50 Minuten aber wird es auch im Wasser kalt, trotz Bewegung.

Kein Problem im warmen Sommer

Das bestätigt Andreas Bieder von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Schwimmexperte sieht bei einem mitteleuropäischen Sommer eher angenehme Wassertemperaturen. «Eine Stunde Schwimmen bei 22 Grad ist da kein Problem», sagt Bieder. Bei kühleren Außentemperaturen stimmen die Besucher in den Freibädern ganz einfach mit den Füßen ab und gehen nicht mehr ins Freibad.

«Ich sehe eher ein Problem, wenn das Wasser zu warm ist. Da droht eine Hyperthermie. Der Körper überhitzt, weil er die Wärme, die durch die Muskelkraft beim Schwimmen entsteht, nicht abgeben kann», sagt der Experte. Dieses Problem aber spiele im Breitensport keine Rolle. Eher bei den Freiwasserschwimmern im Profi-Bereich, wo zuletzt Todesfälle für Schlagzeilen sorgten.

Ideal sei eine Wassertemperatur bei Wettkämpfen zwischen 26 und 27 Grad - die Wohlfühltemperatur für Athleten. Laut den Regeln des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) muss die Temperatur immer ins Wettkampfprotokoll aufgenommen werden. Eine Regel für die Grad-Zahl gibt es aber nicht. Nur bei Jugendlichen darf das Wasser die Grenze von 18 Grad Celsius nicht unterschreiten.

Und gegen Kälte hilft Fett. «Beim Schwimmen in Kaltwasser reduziert sich die Körperkerntemperatur, aber erst deutlich nach mehreren Stunden und in Abhängigkeit vom Körperfettanteil, weshalb erfahrene Kanalschwimmer sich tatsächlich eine Fettschicht zulegen», erklärt Bieder. Diese Schwimmer seien aber geübt und kaltwassergewöhnt. Von diesen Verhältnissen sind die Freibadbesucher in Detmold während der Sommermonate aber noch weit entfernt.


Bildnachweis: © Friso Gentsch/dpa
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