Deutschland liegt aus Sicht des Wissenschaftlers und früheren Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen weit zurück. Er erwartet, dass die Künstliche Intelligenz (KI) künftig auch bei Therapie-Entscheidungen eine größere Rolle spielen kann, wie Wieler der Deutschen Presse-Agentur sagte. Nach acht Jahren an der RKI-Spitze wechselte Wieler im April an das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, ein privat finanziertes IT-Forschungsinstitut. Der 62-Jährige ist dort Sprecher des sogenannten Digital Health Clusters. Sein Ziel ist es, die Digitalisierung im öffentlichen Gesundheitswesen voranzubringen und damit die Gesundheit der Bevölkerung und die Prävention zu fördern. Dabei spielen datengesteuerte Anwendungen eine Rolle. Wieler war einer der wichtigsten Corona-Erklärer und informierte die Öffentlichkeit regelmäßig über die Entwicklung der Pandemie. Zur Digitalisierung im Gesundheitswesen sagte Wieler nun: «Wir stehen ganz weit hinten, dafür, dass wir ein Land sind, das sehr wohlhabend ist und sehr viel intellektuelle als auch finanzielle und technische Ressourcen hat. Ich meine, es gibt noch nicht mal eine elektronische Patientenakte für einen großen Teil der Bevölkerung.» Bislang fehlten Ärzten wichtige Daten, mit deren Hilfe sie Patienten mit komplexeren Krankheitsvorgeschichten besser behandeln könnten. Die Digitalisierung koste Kraft. «Aber es wird kein Weg daran vorbeigehen», sagte Wieler. «Ich kann nur den jeweiligen Bundesgesundheitsministern den Daumen drücken, dass sie das möglichst erfolgreich umgesetzt bekommen.» Deutschland sei im Bereich digitale Gesundheit nicht innovationsfreundlich. «Das Gesundheitswesen ist extrem reguliert, und in einer hochregulierten Umgebung ist es halt schwer, eine Änderung zu schaffen.» Eine hundertprozentige Sicherheit vor einem Missbrauch von Daten werde es nicht geben. «Wir forschen jedoch an Tools für bestmöglichen Datenschutz», sagte Wieler. «Jeder hat Sorge und möchte, dass er die Informationen nur dem gibt, der sie braucht.» Dazu müsse es eine ehrliche und offene Diskussion geben - auch darüber, dass die vielen Gruppen - wie Patientenvertreter, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Gesetzgeber - bestimmte Interessen haben. «Und die passen nicht immer hundertprozentig zusammen.» Der Einsatz von KI wird aus Sicht Wielers auch in Kliniken eine immer größere Rolle spielen. «Es wird ganz sicher so sein, dass die Menschen, die etwas entscheiden oder die sich informieren, plötzlich deutlich mehr und schneller bestimmte Informationen erhalten werden, als das vorher der Fall war.» Ein Klinikarzt, der zum Beispiel über eine Antibiotika-Therapie entscheiden müsse, könne dann datenbasiert gezielter auf ein bestimmtes Antibiotikum setzen. «Also über Digitalisierung ginge das ja alles deutlich einfacher, als es zurzeit der Fall ist.» «KI wird eine große Veränderung in der Gesellschaft bringen, ganz sicher. Und da ist es gut, wenn man sich der Gefahren bewusst ist und die Dinge so entwickelt, dass sie eben möglichst viel Nutzen bringen», sagte der Wissenschaftler. «Also für mich ist es Fluch und Segen, und wir müssen eben alles dafür tun, dass der Segen den Fluch überwiegt.» Am Hasso-Plattner-Institut will sich Wieler bei einem Projekt mit der Überwachung von Erbgut-Sequenzen von antibiotikaresistenten Bakterien und einem besseren Zugriff auf Daten befassen. Während der Pandemie spielte die Überwachung von Veränderungen im Erbgut von Virusmutanten eine wichtige Rolle.«Wir stehen ganz weit hinten»
Keine absolute Sicherheit
Bildnachweis: © Michael Bahlo/dpa
Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Ex-RKI-Chef: Digitalisierung im Gesundheitswesen rückständig
Lange war er einer der wichtigsten Corona-Erklärer. Jetzt forscht Lothar Wieler am Hasso-Plattner-Institut und will die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringen. Er sagt: Es gibt viel aufzuholen.
Ihre Nachrichten fehlen auf der Rheda-Wiedenbrück App?
Meistgelesene Artikel
- 27. August 2026
Goldener Kamm in Gütersloh
Am 11. Oktober treten die besten Nachwuchsfriseure aus Nordwestdeutschland in der Stadthalle Gütersloh gegeneinander...
- 10. August 2026
Sonnenfinsternis - Wo könnte es noch Schutzbrillen geben?
Am Mittwoch sollen bis zu 90 Prozent der Sonne verschwinden. Wer das Schauspiel beobachten will, braucht speziellen Augenschutz. Doch wo könnte es jetzt noch die passende «SoFi-Brille» geben?
- 30. August 2026
Kapitän nach Fährunglück vor Zypern festgenommen - Acht Tote
Wie konnte es zu dem Fährunglück mit mehreren Toten kommen? Auf Zypern wird der Kapitän des Schiffes festgenommen - viele Menschen werden noch vermisst.
Neueste Artikel
- 7. September 2026
Fünf Tote bei Unfall mit Amazon-Frachtflugzeug in Miami
Ein Frachtflugzeug des Online-Versandhändlers Amazon landet in Miami - doch kommt es zu einem Unfall. Es gibt Tote.
- 6. September 2026
Zehn Tote bei Feuerwerksexplosion in Kirche in Mexiko
Ein Patronatsfest endet tödlich. Die Explosion beschädigt das Gelände einer Kirche in einer kleinen Gemeinde.
Weitere Artikel derselben Kategorie
- 7. September 2026
Abschied von König Harald V.: So läuft die Beisetzung ab
Ganz Norwegen - und Europa - nimmt Abschied: Zum Begräbnis von König Harald V. reisen Royals und Staatschefs an, Tausende säumen die Straßen. Oslo steht vor einem historischen Kraftakt.
- 7. September 2026
Fünf Tote bei Unfall mit Amazon-Frachtflugzeug in Miami
Ein Frachtflugzeug des Online-Versandhändlers Amazon landet in Miami - doch kommt es zu einem Unfall. Es gibt Tote.

