12. Januar 2025 / News aus der Welt

Die Brände von LA und die Schere zwischen Arm und Reich

Frei nach George Orwell und «Animal Farm»: Vor dem Feuer sind alle gleich, aber manche gleicher. Die krassen Gegensätze von Arm und Reich in LA spielen auch bei der Feuerkatastrophe eine Rolle.

Ein mit Löschmittel bedecktes teures Auto in Los Angeles.
Veröffentlicht am 12. Januar 2025 um 15:47 Uhr von Christiane Jacke, Sören Gieß, Lisa Forster und Gregor Tholl, dpa

Stadt der Engel, Stadt der Gegensätze: Der Großraum Los Angeles ist nicht einfach eine Stadt, sondern eine Welt für sich. Luxus und Elend existieren hier Seite an Seite - auch im Angesicht der aktuellen Feuerkatastrophe.

Los Angeles, das ist im normalen Alltag schon der Gegensatz von Luxus-Shoppingmeile Rodeo Drive in Beverly Hills und dem Downtown-Viertel Skid Row, in dem Zehntausende Obdachlose leben. 

Einerseits steht Los Angeles für Hollywood, Glamour, Promis und Protz. Andererseits hat LA die zweithöchste Obdachlosenquote im ganzen Land. Riesiger Reichtum und bittere Armut liegen nah beieinander. Dieser Gegensatz führt mit Blick auf die Feuerkatastrophe jetzt auch zu moralischen Debatten.

Suche nach privaten Feuerwehrleuten

Der Sender CNN berichtete von einem Immobilienmanager aus LA, der über soziale Medien nach privaten Feuerwehrleuten gesucht habe. «Zahle jede Summe», zitierte der Sender aus dem inzwischen gelöschten Post. Das löste heftige Reaktionen in sozialen Medien aus. «Wessen Haus gerettet wird, sollte nicht von seinem Bankkonto abhängen», zitierte CNN einen TikTok-Nutzer. 

Tausende Gebäude wurden durch das Feuer zerstört oder beschädigt. Schätzungen zufolge könnten die Schäden und wirtschaftlichen Verluste in dreistellige Milliarden-Höhe gehen. Das liegt auch daran, dass die Flammen zum Teil durch Nachbarschaften ziehen, in denen Häuser durchschnittlich mehrere Millionen Dollar kosten. Der besonders betroffene Stadtteil Pacific Palisades gehört zu den wohlhabendsten Vierteln von LA. 

Viele Stars bekunden ihre Solidarität mit den Betroffenen oder packen bei Hilfsaktionen mit an, darunter etwa die Schauspielerin Jennifer Garner, die Essen verteilte. 

Kritik an den Klagen reicher Stars

Einige Prominente mussten selbst ihre Häuser verlassen oder verloren sie schon. Paris Hilton schrieb auf sozialen Medien, sie habe aus der Ferne im Fernsehen mit ansehen müssen, wie ihr Haus in Malibu bis auf die Grundmauern abbrannte. Später postete sie ausführlich Bilder von den Überresten des Hauses. Sänger Bill Kaulitz dokumentierte in einer Instagram-Story, wie sein Haus in den Hollywood Hills evakuiert wurde. Auf den Bildern waren seine gepackten Luxuskoffer zu sehen. 

Einige Nutzer im Internet stören sich an Klagen reicher Stars, die zum Teil weitere Wohnsitze haben und durch solch eine Katastrophe nicht um ihre wirtschaftliche Existenz bangen müssen. 

Besondere Kritik bekam die Schauspielerin und Sängerin Mandy Moore ab, die im vom Brand schwer getroffenen Vorort Altadena lebt. Sie zeigte auf Instagram Bilder ihrer komplett zerstörten Nachbarschaft. Ihr Haus stehe wie durch ein Wunder zum Großteil noch, schrieb sie. Außerdem teilte sie eine Spenden-Seite für ihren Schwager und dessen Familie, was viele mit Blick auf das mutmaßliche Vermögen der Schauspielerin als scheinheilig kritisierten.

«Die Ereignisse sind verheerend, aber Naturkatastrophen ereignen sich immer wieder, und meistens treffen sie Menschen, die keine Millionen auf der Bank haben», schrieb eine Nutzerin auf Instagram unter einen Post von Moore. Der Kommentar wurde hundertfach gelikt. 

Moore reagierte angefasst auf die Kritik. Ein Freund habe die Spendensammlung ins Leben gerufen, schrieb sie. «Und ich teile sie, weil Leute gefragt haben, wie sie ihnen helfen können. Wir haben auch gerade den größten Teil unseres Lebens bei einem Feuer verloren. Also verpi… euch bitte. Niemand zwingt euch, irgendetwas zu tun.»

Die Sorgen der anderen

Gleichzeitig werden jeden Tag neue Schicksale von Normalbürgern aus den Feuergebieten bekannt. Eine Großfamilie verlor gleich mehrere Häuser im «Eaton Fire». Acht Häuser von Onkel, Tanten und Cousins der Williams-Familie, die in Laufnähe zueinander lagen, brannten komplett nieder. Nun haben sie alle kein Zuhause mehr und sind vorerst in einem Hotel in Sherman Oaks nordwestlich von LA untergekommen, wo es kostenlos Zimmer für Betroffene der Brände gibt. 

Eine der Frauen aus der Großfamilie berichtete dem Lokalsender KTLA 5 News von dem Moment, als sie ihr niedergebranntes Haus zum ersten Mal sah: «Es war einfach unglaublich. (...) Das kann man sich gar nicht vorstellen. Es hat sich angefühlt wie im Krieg», sagte sie. «Das war mein Haus und das Einzige, was noch steht, ist mein Tor.» 

An vielen Orten, wo das Feuer nicht mehr lodert, stehen ungläubige Menschen wie sie vor den Trümmern ihrer Häuser, suchen in Bergen aus Asche und Schrott nach Überresten aus ihrem Leben. Manche verlieren durch das Feuer nicht ihr Zuhause, sondern ihren Arbeitsplatz oder ihre wirtschaftliche Existenz, weil auch Restaurants, Cafés oder Läden zerstört werden. 

Manche müssen zittern, ob ihre Versicherung für die Schäden aufkommt. Wie US-Medien berichten, hatten einige große Anbieter bereits im vergangenen Frühjahr wegen des hohen Waldbrandrisikos den Versicherungsschutz in den nun betroffenen Gebieten eingeschränkt und für bestimmte Neubauten ganz zurückgezogen. Somit könnten manche Hausbesitzer ohne ausreichenden Versicherungsschutz dastehen. Andere haben erst gar keine Versicherung.

Geeint im Schmerz

Manche verlieren aber auch das Kostbarste: geliebte Menschen. Mindestens sechzehn Menschen sind Behörden zufolge bislang durch die Feuer ums Leben gekommen. Die Zahl könnte steigen, sobald zerstörte Gebiete ausgiebig durchsucht werden. 

Und hier sind vor dem Feuer plötzlich wieder alle gleich. Der Schmerz, einen Menschen zu verlieren, ist für alle gleich groß - egal, ob arm oder reich. Ebenso der Kummer über verlorene Erinnerungen in einem Zuhause, die sich mit Geld nicht aufwiegen lassen.


Bildnachweis: © Eric Thayer/AP/dpa
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