Mit mehr als 100 geladenen Gästen hat die Fleischer-Innung Bielefeld ihr 150-jähriges Bestehen gefeiert. Gemeinsam mit Mitgliedsbetrieben, Wegbegleitern und Gästen aus Handwerk, Politik und Wirtschaft blickte die Innung auf eine außergewöhnliche Geschichte zurück – und zugleich nach vorn. Denn vieles hat sich im Fleischerhandwerk verändert. Geblieben sind handwerklicher Anspruch, Eigenverantwortung und der Zusammenhalt der Betriebe.
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Als sich 1876 Bielefelder Fleischer zur „Vereinigung der Fleischer zu Bielefeld“ zusammenschlossen, war das Telefon gerade patentiert worden, der Viertaktmotor stand am Beginn seiner Erfolgsgeschichte und die moderne Kältetechnik machte große Fortschritte. In Bielefeld begann im selben Jahr eine Geschichte, die bis heute fortgeschrieben wird: die Geschichte der Fleischer-Innung Bielefeld.
150 Jahre später kamen mehr als 100 geladene Gäste zusammen, um dieses Jubiläum zu feiern. Obermeister Lennart Hermstein machte bereits in seiner Begrüßung deutlich, dass dabei nicht allein eine Organisation im Mittelpunkt stand: Gefeiert wurden vor allem die Menschen, die das Fleischerhandwerk und seine Gemeinschaft über Generationen getragen haben.
Unter den Gästen waren zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Handwerk, Politik, Verbänden und Wirtschaft. Auf der Bühne kamen unter anderem Bielefelds Erster Bürgermeister Frank Strothmann, Handwerkskammerpräsident Peter Eul, Kreishandwerksmeister Frank Wulfmeyer und Landtagsabgeordneter Tom Brüntrup zu Wort. Eigens aus Nürnberg angereist war Fleischer-Weltmeister Dirk Freyberger. Mit Philipp Ehlert, Geschäftsführer des Verler Zulieferunternehmens Gustav Ehlert, war zudem die Perspektive eines langjährigen Partners der Lebensmittelbranche vertreten. Obermeister Lennart Hermstein beteiligte sich an beiden Gesprächsrunden. Durch den Abend führte Timo Teichler von Radio Bielefeld, für die musikalische Begleitung mit Gitarre sorgte Jay Minor.
Zum Jubiläum etwas zurückgeben
Dass Gemeinschaft für die Fleischer-Innung nicht an den eigenen Innungsgrenzen endet, zeigte sich bereits zu Beginn des Abends. Innungsgeschäftsführerin Melanie Busch berichtete, dass viele befreundete Innungen im Vorfeld gefragt hatten, womit sie der Fleischer-Innung zum 150. Geburtstag eine Freude machen könnten.
Die Antwort der Bielefelder Fleischer: Statt Geschenken sollte das Jubiläum genutzt werden, um etwas zurückzugeben. Deshalb bat die Innung um Spenden für die Aktion Lichtblicke, die Kinder und Familien unterstützt, die unverschuldet in Not geraten sind.
Viele befreundete Innungen griffen die Idee auf und spendeten – passend zum Jubiläum – jeweils 150 Euro. Auch während des Festabends wurde weiter gesammelt. Dafür stand im Veranstaltungsraum eine Holzbox bereit.
Die Fleischer-Innung kündigte zudem an, die am Ende zusammengekommene Summe selbst noch einmal um 1.500 Euro aufzustocken. „Ich finde, das ist eine schöne Art, unseren 150. Geburtstag zu feiern: gemeinsam, regional verwurzelt und mit einem Lichtblick für Menschen, die Unterstützung brauchen“, sagte Busch.
Ein Schlachthof in eigener Regie
Wie besonders die Geschichte der Bielefelder Fleischer ist, zeigt sich schon in den Anfangsjahren. Die Mitglieder beließen es nicht bei einer gemeinsamen Interessenvertretung. Sie wollten ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen – und planten einen eigenen Schlachthof.
Dafür wurde aus der zunächst freien Vereinigung 1882 offiziell die Fleischer-Innung zu Bielefeld. Die Stadt stellte das Grundstück zur Verfügung, die Stadtsparkasse gab ein Darlehen – und die Innungsmitglieder hafteten persönlich mit ihrem Vermögen. 1884 nahm der Schlachthof am damaligen Herforder Weg, der heutigen Walter-Rathenau-Straße, seinen Betrieb auf. Dass ein öffentlicher Schlachthof in einer deutschen Großstadt vom Handwerk selbst getragen und betrieben wurde, war eine Besonderheit.
Der Schlachthof steht bis heute sinnbildlich für eine Eigenschaft, die sich durch die Innungsgeschichte zieht: den Willen, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Doch Gemeinschaft bedeutete schon damals mehr als wirtschaftliche Zusammenarbeit. 1886 wurde der Fleischer-Gesangverein „Holt fast!“ gegründet, 1891 folgte die Fleischergesellen-Brüderschaft und 1896 die Fleischergenossenschaft Bielefeld. Wirtschaftliche Selbsthilfe, Nachwuchs und geselliges Miteinander waren eng miteinander verbunden.
Was das Fleischerhandwerk besonders macht
Wie viel von diesen 150 Jahren bis heute nachwirkt, wurde in der ersten Gesprächsrunde deutlich. Unter dem Titel „Was uns getragen hat – 150 Jahre Fleischerhandwerk in Bielefeld“ ging es um die Verbindung zwischen Handwerk, Stadt und Innung.
Handwerkskammerpräsident Peter Eul hob dabei einen Aspekt hervor, der das Fleischerhandwerk aus seiner Sicht von vielen anderen Gewerken unterscheidet: Hier stehe der Genuss unmittelbar im Mittelpunkt. Genau diese Verbindung von handwerklichem Können und einem Produkt, das Menschen bewusst genießen, verbinde er besonders stark mit dem Gewerk und mache das Fleischerhandwerk aus.
Wie eng eine Fleischerei zugleich mit persönlichen Erinnerungen verbunden sein kann, schilderte Kreishandwerksmeister Frank Wulfmeyer. Sein Großvater Walter Greischel und sein Onkel Joachim Greischel gehörten mit ihrer Fleischerei selbst der Bielefelder Innung an. Wulfmeyer erinnerte sich vor allem an einen Eindruck aus seiner Kindheit: den Geruch frisch geräucherter Waren – bis heute für ihn eine unmittelbar positive Erinnerung an das Fleischerhandwerk. Seine familiäre Verbindung zum Gewerk war auch im Ablauf des Jubiläumsabends ausdrücklich vorgesehen.
Erster Bürgermeister Frank Strothmann richtete den Blick auf eine weitere Funktion der Betriebe. Fleischereien seien nicht nur Geschäfte, sondern auch Orte der Begegnung in den Stadtteilen. Ein starkes, inhabergeführtes Handwerk sei deshalb ein wichtiger Faktor für eine lebendige Stadt.
Tradition – und neue Wege
Die zweite Gesprächsrunde fragte unter der Überschrift „Was jetzt zählt – wie das Fleischerhandwerk Zukunft hat“ danach, wie ein traditionsreiches Handwerk auf neue Rahmenbedingungen reagieren kann.
Fleischer-Weltmeister Dirk Freyberger machte deutlich, dass für ihn Tradition und Weiterentwicklung keine Gegensätze sind. In Nürnberg hat er zusätzlich zum klassischen Geschäft einen KI-gestützten 24-Stunden-Laden eröffnet. Dieser solle das traditionelle Ladengeschäft ausdrücklich nicht ersetzen. Vielmehr gehe es darum, neue Käufergruppen zu erreichen und handwerkliche Produkte auch außerhalb klassischer Öffnungszeiten verfügbar zu machen.
Dass sich gleichzeitig auch das Angebot in den Fleischereien immer stärker ausdifferenziert, berichtete Philipp Ehlert aus Sicht eines Zulieferers. Die Betriebe fragten immer speziellere Produkte nach. Das zeige sich beispielsweise bei Wurstdärmen, die heute in unterschiedlichsten Größen und Formen sowie mit oder ohne individuelle Bedruckung gewünscht würden. Die Vielfalt der Anforderungen spiegele die zunehmende Vielfalt und Profilierung der Fleischereibetriebe wider.
Für einen besonders unterhaltsamen Moment sorgte Tom Brüntrup. Der Bielefelder Landtagsabgeordnete absolviert regelmäßig eintägige Praktika in Unternehmen und hat inzwischen knapp 50 Betriebe kennengelernt. Einer dieser Tage führte ihn in die Fleischerei von Lennart Hermstein. Beim Abfüllen von Wurst ging offenbar nicht alles nach Plan.
„Das war das einzige Praktikum, bei dem ich später eine Kiste Bier als Entschuldigung vorbeigebracht habe“, erzählte Brüntrup. Hermstein konnte sich grinsend noch gut an den Vorfall erinnern.
Bei allem Humor stand dahinter ein ernstes Thema: Wer über die Zukunft des Handwerks spricht, muss auch wissen, wie anspruchsvoll die tägliche Arbeit in den Betrieben tatsächlich ist.
Heute kompakter – und klar profiliert
Auch 150 Jahre Fleischer-Innung sind keine Geschichte des Stillstands. Industrialisierung und neue Vertriebswege, veränderte Essgewohnheiten, Fachkräftemangel, Nachfolgefragen und steigende Anforderungen haben das Handwerk immer wieder verändert.
Die Innung ist heute deutlich kompakter aufgestellt als in früheren Jahrzehnten. Das Bielefelder Fleischerhandwerk hat sich konsolidiert. Die Mitgliedsbetriebe stehen für handwerkliche Qualität, fachliche Kompetenz und unterschiedliche, klar erkennbare Profile.
Dabei muss nicht jeder Betrieb denselben Weg gehen. Die einen setzen Schwerpunkte im klassischen Ladengeschäft, andere bei besonderen Fleisch- und Wurstspezialitäten, im Catering oder mit zusätzlichen Angeboten und neuen Vertriebswegen. Was sie verbindet, ist der handwerkliche Anspruch: gute Rohstoffe, Fachwissen, sorgfältige Verarbeitung und die persönliche Verantwortung für das eigene Produkt.
Obermeister Lennart Hermstein brachte diesen Gedanken bereits in seiner Begrüßung auf den Punkt: Tradition bedeute nicht, stehen zu bleiben, sondern das Gute zu bewahren und trotzdem mit der Zeit zu gehen.
„Rezepte, Handwerk, Heimat“
Sichtbar wird diese Verbindung auch im Jubiläumsbuch, das die Innung eigens zum 150-jährigen Bestehen herausgebracht hat. Unter dem Titel „Rezepte, Handwerk, Heimat – 150 Jahre Fleischer-Innung Bielefeld“ verbindet es die Geschichte des Berufsstandes mit der Gegenwart seiner Betriebe.
Dafür haben Innungsmitglieder persönliche Hausrezepte beigesteuert. Klassiker stehen neben modernen Ideen, unterschiedliche Betriebe und Handschriften nebeneinander. Das Buch soll damit nicht nur zurückschauen, sondern zeigen, was das Bielefelder Fleischerhandwerk heute ausmacht: Qualität, Vielfalt und gelebten Zusammenhalt.
Auch der Jubiläumsabend selbst stand am Ende vor allem im Zeichen dieses Miteinanders. Bei musikalischer Begleitung durch Jay Minor, guten Gesprächen und einem Ochsen am Spieß feierten die mehr als 100 Gäste gemeinsam 150 Jahre Bielefelder Fleischerhandwerk.
150 Jahre nach ihrer Gründung hat sich die Fleischer-Innung Bielefeld in vieler Hinsicht verändert. Ihr Grundgedanke ist derselbe geblieben: selbstständige Handwerksbetriebe, die ihre eigenen Wege gehen, sich zugleich aber gemeinsam für ihr Handwerk einsetzen.
Vieles verändert sich. Gutes Handwerk und guter Zusammenhalt bleiben.
Quelle: Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld (kh-gt-bi.de.de)







































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































