17. Januar 2024 / Kreis Gütersloh

Reanimation: Wenn jede Sekunde zählt

Gütersloh/Schloß Holte-Stukenbrock. Freitagabend, 27. Oktober. Jill und Frederick treffen sich zum gemeinsamen...

Veröffentlicht am 17. Januar 2024 um 13:01 Uhr von Isabelle Gruschke

Gütersloh/Schloß Holte-Stukenbrock. Freitagabend, 27. Oktober. Jill und Frederick treffen sich zum gemeinsamen Abendessen in seiner Wohnung. Plötzlich wird die 20-Jährige bewusstlos. Um 19.25 Uhr geht der Notruf in der Kreisleitstelle ein. Der junge Mann ruft um Hilfe, seine Freundin atmet nicht mehr. Jetzt zählt jede Sekunde. Der Rettungsdienst des Kreises Gütersloh wird alarmiert, ebenso wie die Mobilen Retter: Marret Quick und Marvin Götzke. Zusammen mit dem Rettungsdienst, der Rettungssanitäterin Melanie Lenz und dem Notfallsanitäter David Niemann, erreichen sie die Wohnung. Dann geht alles ganz schnell: Die vier beginnen mit der Wiederbelebung.

Sechs Wochen später: Jill besucht mit ihrem Freund und ihrer Familie das Rettungsdienstzentrum des Kreises Gütersloh in Schloß Holte-Stukenbrock. Dort trifft sie die Personen, die ihr das Leben gerettet haben. Es war ihr wichtig, sich persönlich bei ihnen zu bedanken. An das Ereignis selbst kann sich die 20-Jährige nicht mehr erinnern. „Wir haben direkt mit der Reanimation begonnen“, berichtet Niemann. Bei einem Kreislaufstillstand kommt als erstes immer die Herzdruckmassage – am besten schon bevor der Rettungsdienst eintrifft. Das erhöhe die Überlebenschancen immens. Laien können dabei Unterstützung aus der Kreisleitstelle bekommen. Die Mitarbeitenden geben dabei über das Telefon genaue Anweisungen und führen die Ersthelfenden Schritt für Schritt durch die Wiederbelebung bis der Rettungsdienst eintrifft. Auch die Mobilen Retter sind auf Reanimation spezialisiert. Bei Einsätzen mit Herzkreislaufstillständen oder Bewusstlosigkeit werden sie immer dazu gerufen. Das Konzept: Die Ehrenamtlichen, die zum Großteil selber im medizinischen Bereich oder in Blaulichtberufen tätig sind, bilden ein Netz von Ersthelfenden. Wenn in ihrem Umkreis ein Notfall gemeldet wird, werden sie von der Kreisleitstelle über eine App benachrichtigt. Quick ist beispielsweise Rettungssanitäterin und Krankenschwester und Götzke ist als Rettungsassistent ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) tätig. Durch die örtliche Nähe sind die Mobilen Retter unter Umständen eher am Einsatzort als die Rettungskräfte und können mit den Erste-Hilfe-Maßnahmen wie beispielsweise der Herzdruckmassage beginnen. 

Fredericks Wohnung, also der Einsatzort an jenem Freitagabend, liegt jedoch so nah an der Rettungswache, dass die Mobilen Retter und die Notfallsanitäter zeitgleich eintrafen. „Wir haben sofort als Team funktioniert. Es gab klare Ansagen, wer was macht“, erklärt Quick. „Bei Reanimationssituationen kann man jede helfende Hand gebrauchen“, ergänzt Niemann, denn: „Die Mobilen Retter sind geschulte Fachkräfte, sodass wir uns darauf verlassen konnten, dass das läuft.“ Denn zu einer Reanimation gehöre nicht allein die Herzdruckmassage. Auch die Beatmung der Patientin musste sichergestellt werden. Während die Mobilen Retter sich um diese Aufgaben kümmerten, konnten Niemann und Lenz bereits die invasiven Maßnahmen einleiten. Dazu gehören beispielsweise elektrische Schocks mittels Defibrillator und einen Zugang zu legen, über den Medikamente gespritzt werden können. Bei einem Herzkreislaufstillstand ist Adrenalin der Standard.

Noch bevor das Notarzteinsatzfahrzeug aus Hövelhof eintraf, konnte bei Jill wieder ein Puls festgestellt werden. Sie wurde in die Kardiologie des Klinikums Bielefeld gebracht, welches sie nach knapp drei Wochen wieder verlassen durfte. Nun trägt die junge Frau einen implantierten Defibrillator, geht wieder zur Uni und kann ihr Leben ohne nachhaltige Einschränkungen weiterführen. Ab sofort feiert sie zweimal im Jahr Geburtstag.

Auch für Jills Familie waren die Ereignisse ein Schlüsselmoment. Ihre Schwester will sich beim DRK Verl engagieren und ihre Mutter, die Polizistin ist, hat sich im November in Bielefeld zur Mobilen Retterin ausbilden lassen. In der Stadt Bielefeld sind die Mobilen Retter ebenfalls unterwegs und es besteht eine enge Kooperation mit den Mobilen Rettern aus dem Kreis Gütersloh. Der Verein ist seit genau zehn Jahren in der Region und mittlerweile bundesweit aktiv. Damit nahm der Kreis Gütersloh eine Vorreiterposition ein, denn hier haben die Mobilen Retter ihre Wurzeln.

„Im Falle eines Herzkreislaufstillstandes ist die Erste Hilfe entscheidend über den weiteren Verlauf. Je eher die erfolgt, desto besser sind die Überlebenschancen. Deswegen sind die Mobilen Retter so wertvoll, aber auch Laien können durch erste Hilfemaßnahmen Leben retten“, betont Dr. Bernd Strickmann, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst des Kreises Gütersloh. 2022 gab es 365 Reanimationsversuche im Kreis Gütersloh – quasi einen pro Tag. 45 Prozent davon schafften es ins Krankenhaus, 13 Prozent konnten dieses ohne bleibende Schäden wieder verlassen. Diese Quote liegt – nicht zuletzt wegen der guten Erstversorgung – über dem landesweiten Durchschnitt von rund 8 Prozent.

 

Zum Thema: Prüfen, rufen, drücken

Prüfen, rufen, drücken – nach diesem Leitsatz sollen Laien im Notfall handeln. Zuerst müssen sie überprüfen, ob der Patient bei Bewusstsein ist und noch atmet. Dann rufen sie die 112 an und im Falle von Bewusstlosigkeit und nicht-normaler Atmung (das sind die Zeichen eines Herzkreislaufstillstandes) beginnen sie mit der Herzdruckmassage unter Anleitung des Fachpersonals in der Kreisleitstelle.

 

Quelle: Kreis Gütersloh - hier Original öffnen (www.kreis-guetersloh.de)


Bildnachweis/Bildinformationen: Jill (3. v. l.) mit (v.l.) Astrid Bonensteffen (Koordinatorin Mobile Retter Stadt Bielefeld), Marvin Götzke (Mobiler Retter), ihrem Freund Frederick, Verena Bittner (Koordinatorin Mobile Retter im Kreis Gütersloh), Melanie Lenz und David Niemann (beide Rettungsdienst Kreis Gütersloh) sowie Marret Quick (Mobile Retterin) im Rettungsdienstzentrum des Kreises Gütersloh in Schloß Holte-Stukenbrock. Foto: Kreis Gütersloh

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